07.05.2019 - Sie bringen es wirklich

Es gab einmal eine Zeit, da wollte ich keine Folge der Lindenstraße verpassen - vorbei. Es gab einmal eine Zeit, da wollte ich keinen Tatort verpassen - vorbei. Für manchen sind Fernsehkrimis aber offenbar immer noch ein wichtiges Trägermedium für soziale Utopien: Sie küssen und sie prügeln. Endlich.

Was wird gefeiert? "Da kommt eine Frau" (die Ermittlerin), "sie ist schlank, sie ist schön, in ein Bürogebäude. Sie schlägt um sich, sie beherrscht eine Kampfsportart, die mal der Mossad erfunden hat." Sie setzt "Sexualität, Begierde zum Beispiel zielgerichtet ein, um in die Machtverhältnisse eingreifen zu können."

Und das ist neu? Dem Internet sei Dank sind Zeitreisen heutzutage leicht möglich. Wie wäre es mit dem Jahr 2007, "da Medienredakteure und Fan-Forenschreiber über die "erotische Eleganz" und "spielerische Lässigkeit" dichten, mit der Hannelore Elsner oder Andrea Sawatzki ihre Knarre zücken"? Oder gar mit dem Jahr 2001: "Sabrina und Ellen, Pajanou und Kleinert, sie bringen es wirklich: Wenn sie ziehen, hat der Gangster ausgespielt, und wenn sie treffen, ist es Frauenpower, die da reinhaut, nichts muss geborgt, nichts muss verleugnet werden." Und Ellen führt vor, "was passiert, wenn erotische Gefühle zwischen einer Polizistin und einem Tatverdächtigen hochschießen".

Ist denn das Reich Gottes doch noch nicht gekommen? Tja.

26.03.2019 - Non constat de supernaturalitate

In der ZEIT vom 14.03.2019 vollziehen jugendliche Hohepriester der neuen Klimareligion ein Bußritual an ihren Eltern (Titel: "Papa, fühlst du dich schuldig?" - "Ja. Das ist ein Scheißgefühl."). Ich möchte hierzu David Fuller zitieren (meine Transkription): "I don’t see many people coming forward with what I would consider to be an integral or a balanced framework around climate change, for example - which I think would acknowledge certainly how neatly it fits onto a very sort of religious framework: We’re all doomed! We need to repent right now! Is it genuinely about climate change, or is it about changing people? If you heard that there’s a technological solution tomorrow for climate change, how would that make you feel? Would you be relieved, or would you actually think, no, that’s not the point! The point is that people need to stop being selfish, they need to stop being disrespectful to the environment, stop being et cetera, et cetera. What’s the deeper… is it about changing people, or is it about changing the environment?"

 

Dabei fällt mir auf, dass ich nicht weiß, warum in der Neuzeit so häufig sehr junge Mädchen als Prophetinnen auftreten:

Oder nehmen wir doch einmal die 15 Marienerscheinungen, deren Übernatürlichkeit die katholische Kirche offiziell anerkannt hat. In neun davon waren junge Mädchen involviert:

  • Beauraing (15, 14, 13, 9 - und ein Junge von 11 Jahren)
  • Banneux (12)
  • Dietrichswalde (12, 13)
  • Fátima (10, 7 - und ein Junge von 9 Jahren)
  • Kibeho (16 - und zwei weitere Mädchen, über deren Alter ich nichts finden konnte)
  • La Salette (15 - und ein Junge von 11 Jahren)
  • Lourdes (14)
  • Notre-Dame du Laus (16)
  • Paris, Rue du Bac (24 - das will ich mal gelten lassen, da die junge Frau noch Novizin war)

Hinzu kommen noch nicht offiziell anerkannte Marienerscheinungen, Erscheinungen der orthodoxen Kirchen und sicher auch diverser Erweckungsbewegungen (ähnlich wie 1842 in Schweden, s.o.). Erwähnenswert ist auch David Gutersons literarische Aufarbeitung in "Unsere Liebe Frau vom Wald".

Ist dieses Phänomen durch die Angebotsseite getrieben (Sind junge Mädchen emfänglicher für "Prophetie" als andere demografische Gruppen?) oder durch die Nachfrageseite (Glauben wir "prophetischen" Aussagen eher, wenn sie von jungen Mädchen verkündet werden?)? Jedenfalls scheinen historisch nur die großen Kirchen in der Lage gewesen zu sein, die Botschaften über einen längeren Zeitraum zu transportieren.

12.03.2019 - Ich glaube!

In der WELT AM SONNTAG vom 10.03.2019 kommentiert Hannes Stein den Zustand der demokratischen Partei in den USA. Er hat ein Recht auf seine Meinung und darf sie auch gerne äußern. Der moderne Diagonalleser dürfte aber nur Folgendes mitnehmen (die ersten beiden Absätze und den letzten, zusammen weniger als 15% des Textes; sozusagen eine andere Art von Framing):

Die Demokratische Partei hat eine einmalige, eine historische Chance: Sie kann das politische Leben in Amerika auf mindestens eine Generation hinaus dominieren. Die Demokraten haben im vergangenen Herbst in einem Erdrutschsieg das Repräsentantenhaus erobert. In zwei Jahren werden sie gegen einen Präsidenten antreten, den die Mehrheit der Amerikaner verabscheut.
Seine Umfragewerte liegen tief im Keller, obwohl die Wirtschaft weiterhin brummt. Die allermeisten jungen Wähler haben nicht die geringste Lust auf Trumps Rassismus, seine Lügen, seine Frauenfeindlichkeit. Hervorragende Voraussetzungen, um ihn und seine Bewegung klitzeklein werden zu lassen! [...]
Sollten die Demokraten in Amerika ebenso den Verstand verlieren wie die Labour-Leute in Großbritannien, würden sie ihre historische Chance verspielen. Trump würde vier weitere Jahre gewinnen, um die Normen der amerikanischen Verfassung auszuhöhlen und die liberale Weltordnung zu destabilisieren. Und dafür könnten die Linken diesmal nicht die Russen verantwortlich machen (obwohl die natürlich alles tun werden, um ihren Kandidaten Trump an der Macht zu halten). Daran wären dieses Mal ganz allein sie selbst schuld.

Es geht also gar nicht nur um die Demokraten, sondern zunächst einmal und schließlich um den aktuellen Präsidenten der USA. Und was man alles erfährt!

  • Seine Umfragewerte liegen tief im Keller.
  • Er ist ein Rassist.
  • Er ist ein Lügner.
  • Er ist ein Frauenfeind.
  • Er hat eine Bewegung.
  • Er höhlt die Normen der amerikanischen Verfassung aus.
  • Er destabilisiert die liberale Weltordnung.
  • Er ist der Kandidat der Russen (und die würden alles tun, um ihn an der Macht zu halten).

Damit ist das Glaubensbekenntnis gesprochen, und man kann sich dem eigentlichen Thema widmen, ohne sich dem Vorwurf der Häresie auszusetzen.

07.03.2019 - Hitzewellen

Heute schüttet uns Thembi Wolf auf bento ihr Herz aus. Sie hat ein Recht auf ihre Meinung und darf sie auch gerne äußern. Mir soll es hier um einen konkreten Aspekt gehen, der vielleicht dazu gereichen kann, ein gesellschaftliches Problem zu erhellen.

Thema sind die möglichen Auswirkungen des Klimawandels auf nachfolgende Generationen ("unsere Kinder"!). Unter anderem wird gefragt: "Wie werden sie mit den fünf bis zehn schweren Hitzewellen jährlich klarkommen?" Trotz der Hervorhebung (im Original) ist kein Link angegeben; an anderer Stelle wird aber auf einen Artikel von Lena Puttfarcken auf Spiegel Online vom 24.09.2018 verwiesen. Ich zitiere: "Zumindest in Süddeutschland wird es 2100 mehr Hitzewellen geben - in einem moderaten Klimaszenario fünf bis zehn Hitzewellen mehr pro Jahr. Im Norden Deutschlands verändert sich das kaum, berechneten Daniela Jacob vom Helmholtz-Zentrum Geesthacht und ihre Kollegen. Eine Hitzewelle definierten sie, wenn die Temperatur drei Tage hintereinander einen bestimmten Schwellenwert überschritt." Quelle ist hier ein Paper mit vielen, vielen Autoren aus dem Jahr 2013.

Dann schauen wir doch mal hinein! Es werden zwei Definitionen von Hitzewelle (heat wave) verwendet - und es wird lobenswerterweise darauf hingewiesen, dass bei der Kommunikation von Ergebnissen aus dem Paper die genaue Unterscheidung wichtig ist. Ich beschränke mich auf die mildere Definition (die mehr Hitzewellen erzeugt): "Heat waves were considered as periods of more than three consecutive days exceeding the 99th percentile of the daily maximum temperature of the May to September season of the control period (1971–2000)." Es liegen also 30 * 153 = 4590 Temperaturmessungen vor. Das 99-Perzentil entspricht in etwa dem 46st-größten Wert. Soweit ich sehe, wird dieser im Paper nicht genannt, und mir ist auch nicht klar, ob die nachfolgenden regionalen Untersuchungen auf regionalen Perzentilen oder "dem" europäischen Perzentil basieren. Einerlei - im Zeitraum 1971-2000 kann es insgesamt höchstens 11 Hitzewellen gemäß dieser Definition gegeben haben (weil 12 * 4 > 46).

In Abbildung 8 des Papers wird nun dargestellt, um wieviel sich in den Simulationen die Anzahl der Hitzewellen im Zeitraum 2021-2050 bzw. 2071-2100 von der Anzahl der Hitzewellen im Zeitraum 1971-2000 unterscheidet. Praktisch in allen Fällen steigt die Anzahl der Hitzewellen - was auch nicht verwunderlich ist, da ja eine Erwärmung simuliert wird. Entscheidend ist aber, dass sich die dargestellten Werte jeweils auf einen Zeitraum von 30 Jahren beziehen. Wer's nicht glaubt, möge den Fall Südeuropa mit einem angegebenen Anstieg um 45 Hitzewellen betrachten. 45 Hitzewellen à vier Tage mit jeweils einem kühlen Tag dazwischen benötigen 224 Tage - das passt ja gar nicht in den Zeitraum von Mai bis September!

Was ist nun aber passiert? Frau Puttfarcken versteht das Paper falsch und spricht von "fünf bis zehn Hitzewellen mehr pro Jahr". Frau Wolf übernimmt diese Aussage ohne kritische Prüfung und macht die Hitzewellen sicherheitshalber auch noch "schwer". Im nächsten Absatz spricht sie zudem von "der Hitzewelle im vergangenen Sommer", verwendet also unbekümmert denselben Begriff für zwei unterschiedliche Sachverhalte. Ein ähnlich denkender (oder soll ich sagen: ähnlich wenig denkender?) Leser könnte nun die Horrorvision eines Sommers vor Augen haben, der fünf- bis zehnmal so schlimm ist wie der Sommer des Jahres 2018. In Wirklichkeit müssen wir, wenn das Szenario eintritt, nur damit rechnen, in etwa in zwei von drei Jahren statt in einem von drei Jahren eine Hitzewelle (gemäß Definition) zu erleben.

Wir könnten in der Gesellschaft (oder zumindest in den Medien) wirklich etwas mehr Numeracy gebrauchen: die Fähigkeit, Begriffe in einem gegebenen Kontext nicht außerhalb ihrer Definition zu verwenden, und die Fähigkeit, durch Überschlagsrechnungen elementare Fehler zu vermeiden. Dann könnten wir in der emotionalen Kakophonie vielleicht diejenigen Stimmen besser hören, die tatsächlich Lösungen anbieten.

26.02.2019 - Smooth Sensation Sensitive

Zahlreiche "News"-Seiten stürzen sich heute auf eine "Untersuchung" der Verbraucherzentrale Hamburg. Kosmetikhersteller kassieren bei Frauen ab! Pink Tax: Frauen wird in der Drogerie das Geld aus der Tasche gezogen! Frauen zahlen immer noch deutlich mehr als Männer! Die vollständige "Untersuchung" kann man sich ansehen: Insgesamt werden 14 Produkte aufgeführt. Bei 13 davon ist die Packungsgröße des an Frauen gerichteten Produkts kleiner als die der Männer-Variante. Es ist durchaus sinnvoll, wenn kleinere Packungsgrößen, die im Verhältnis zum Inhalt mehr Verpackungsmüll und höhere Produktionskosten bedeuten, auch entsprechend teurer sind (deswegen kosten 450g Frauen-Nutella im Verhältnis mehr als 750g Männer-Nutella...). Natürlich könnte das ein Trick der Hersteller sein, der die Produkte günstiger erscheinen lässt. Aber benötigen Frauen in der Zeitspanne, für die Männer einen Zehnerpack Einwegrasierer kaufen, wirklich zwei Fünferpacks? Und kaufen wirklich Frauen Parfüms für Frauen und Männer Parfüms für Männer?

Bleibt noch das vierzehnte Produkt, nämlich Nivea-Rasiergel. Hier sind die Packungsgrößen tatsächlich gleich, allerdings hat man für die Damen das "Sensitive"-Produkt gewählt, für die Herren nicht. Hätte man auch den Männern das "Sensitive"-Produkt gegönnt, wäre vermutlich auch der Preis gleich gewesen (während ich dies schreibe, kostet bei Edeka24 das "Sensitive"-Produkt 2,99, das "Protect & Care"-Produkt 2,49). Und der Preisunterschied zwischen Nivea und Eigenmarke liegt ohnehin in einer ganz anderen Größenordnung...

Da man also offenbar keine echten Beispiele für eine "pink tax" gefunden hat, musste man selbst eines erzeugen. Wie soll ich das nennen? Lüge? Betrug? Täuschung? Nun soll meinetwegen eine Verbraucherzentrale (warum wird hier eigentlich nicht gegendert?) ungehindert Meinungen kundtun dürfen. Und es ist ja auch schön, wenn "71 festangestellte und 55 freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter" in Lohn und Brot stehen. Aber warum schafft es solch ein dünnes Brett auf die Nachrichtenportale? Ich nehme das optimistisch als Zeichen, wie gut es uns geht. Und welche Lösung des "Problems" stellt man sich vor? Wie wäre es mit einer "blue tax", etwa einer dritten Stufe der Mehrwertsteuer nur für Männerprodukte?

09.02.2019 - ZEIT ist Geld

Am 07.02.2019 lese ich auf dem Titel der ZEIT: "Das Patriarchat ist naturgegeben - Das behauptet der Psychologieprofessor Jordan P. [sic] Peterson". Der Artikel selbst ist untertitelt: "Der kanadische Beststeller-Autor Jordan B. Peterson ist der globale Star einer neuen Männlichkeitsbewegung. Er hält das Patriarchat für naturgegeben." Und in der Box zur Person ("Der Provokateur"): "[...] Manche seiner meist männlichen Verehrer nennen sich "Hummer", weil Peterson das archaische Dominanzverhalten der Krustentiere als Beispiel für die naturgegebene patriarchalische Gesellschaft dient. [...]". Also ist dreimal vom Patriarchat die Rede (oder vielleicht sogar viermal, wenn man boshaft den Ausrutscher beim "middle initial" entsprechend interpretiert) - da erwarte ich doch als naiver Leser, dass der Begriff auch im Text vorkommt und dass die "natürliche Gegebenheit" dort erläutert wird.

Das ist jedoch leider nicht der Fall. Aber natürlich kann Abhilfe geschaffen werden, indem man noch eine Münze einwirft: die selbst für Print-Abonnenten kostenpflichtige ausführlichere Online-Version des Interviews klärt auf. Liebe ZEIT-Redaktion: geht's noch? Wenn man nicht ein Viertel der Seite für ein Bild von Peterson auf einem Holzschaf geopfert hätte (ein Holzhummer war auf die Schnelle wahrscheinlich nicht aufzutreiben, schon gar nicht in der Schweiz), wäre höchstwahrscheinlich der Abdruck des gesamten Interviews möglich gewesen.

Um Scherereien zu vermeiden (hier scheinen Leute am Werk, denen es ums Geld geht), sollte ich nicht zu ausführlich aus dem Online-Interview zitieren. Aber soviel: die ZEIT scheint mir hier das übliche Spielchen mit der Mehrdeutigkeit von Begriffen zu treiben (Ich war versucht, dieses Spielchen "postmodern" zu nennen, eigentlich wurden aber schon immer Häretiker auf diese Weise identifiziert). Der Begriff "Patriarchat" wird negativ besetzt, und jeder, der nicht unmittelbar Buße tut und "das Patriarchat" verurteilt, sei anathema. Dazu zitiere ich jetzt doch Peterson (aus der Online-Version) und lasse es dann gut sein: "Betrachten wir die symbolische Repräsentation – sagen wir Ordnung-Männlichkeit. Sie teilt sich in zwei gleich mächtige archetypische Unterkategorien, eine ist positiv, die andere negativ. Die positive ist der weise König, die negative der Tyrann. Der Tyrann allein, glauben die Radikalen, sei unsere Kultur. Aber das ist nicht nur so – man kann es fälschlicherweise so sehen, weil jede Kultur auch ein Monster ist. Die menschliche Geschichte ist vom ersten Tag an von Blut und Katastrophen gezeichnet. Jede soziale Struktur bringt auch Schreckliches hervor. Aber man sollte das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Die Radikalen kritisieren das Patriarchat nur für seine blutige und brutale Seite. Aber was ist die Alternative? Es ist mir egal, dass das Patriarchat als repressiv charakterisiert wird. Es macht mir Sorgen, dass es ausschließlich als repressiv charakterisiert wird. Das ist nicht akzeptabel. Es gibt nicht genug Dankbarkeit. Sie verhungern nicht, ich auch nicht. Wir haben keine Pest, wir haben keinen Krieg, es gibt keine verdammten Straßenkrawalle. Die Leute nehmen das alles als gegeben hin. Sie beklagen sich über das repressive Patriarchat. Sie haben keine Ahnung, wovon sie da reden."

01.02.2019 - Für das Beste in welchem Mann?

Ein internationaler Konzern, der Konsumgüter herstellt, wird Werbeclips nur aus einem Grund produzieren: um den Kundenstamm und damit den Umsatz zu vergrößern. Wenn Gillette nun ein bestimmtes Männlichkeitsbild propagiert, so glaubt die Firma wohl, dass die eigene Kundschaft dieses Bild gutheißt und selbst bereits lebt. In der Tat hat man sich im Herbst 2018 in einer "repräsentativen Studie mit 1017 Befragten" davon überzeugt, dass "das klassische, stereotype Rollenbild des Mannes Geschichte ist", dass sich für Millenials "das heutige Verständnis vom Männerbild gegenüber dem ihrer Eltern verändert hat" und dass "eine ganze Generation junger Männer mittlerweile vorlebt, wie vielseitig das Beste im Mann aussieht". Der viel diskutierte Werbeclip richtet sich also gar nicht an die wenigen "bösen" Männer (die es zweifelsohne gibt), sondern an die vielen "guten". Also hätte Antje Joel sich am 24.01.2019 in der ZEIT gar nicht so aufregen müssen (denn die ZEIT-Leser sind natürlich alle "gut"!).

 

Daher will ich Frau Joels Artikel auch gar nicht im Detail kommentieren, sondern mich auf einen Satz beschränken: "Ich bin froh, dass Frau Walden all diese männlichen Züge [Anmerkung: gemeint sind Stoizismus, Aggressivität, Durchsetzungsvermögen, Stärke und Dominanz] als "traditionell" und nicht als "genetisch" beschreibt. Immerhin." Hier steht "traditionell" wohl für nurture, "genetisch" für nature. Wenn die Gesellschaft jahrzehntelang daran arbeitet, alles "Traditionelle" zu überwinden (was natürlich möglich ist und mindestens teilweise wünschenswert), dann wird am Ende nur noch das "Genetische" übrigbleiben - das man auch dann nicht los wird, wenn man es "traditionell" nennt. Es wird dann weiter dafür sorgen, dass ZEIT-Autorinnen warm und trocken sitzen, sich ein bisschen im Internet herumtreiben und auf schicken Notebooks schicke Artikel schreiben können. Immerhin.

03.01.2019 - Ebenen

Uns geht es so gut, dass wir unsere Zeit damit verbringen können, Themen von Metaebene zu Metaebene zu wuchten, bis mit praktisch der gleichen Argumentationsweise eine Aussage und ihr Gegenteil gestützt werden können.

 

Zwei Ereignisse trugen sich jüngst zu:

A: in Amberg hat eine Gruppe von jungen Männern Menschen angegriffen und verletzt.

B: in Bottrop hat ein Mann sein Auto absichtlich in Gruppen von Menschen gesteuert und Menschen verletzt.

 

Über der Ebene des Geschehens (1) liegt die Ebene des Berichts (2 - diese habe ich eben kurz betreten). Darüber wiederum befindet sich die Ebene der Bewertung und Schlussfolgerung (3). Schließlich wird auf der Ebene der Kommentierung (4) die Bewertung und Schlussfolgerung anderer selbst wieder bewertet. Ich werde nun auf eine fünfte Ebene klettern und ins Tal schauen.

 

Hadmut Danisch kommentiert in seinem Blog auf Ebene 4, wie das ZDF über A und B berichtet. Seine Schlussfolgerung: "In einem Fall (B) wird die Tat hochgedonnert, im anderen Fall (A) die Reaktionen herabgedrückt." Ich versuche mal eine Interpretation: das ZDF sollte auf Ebene 2 bleiben, konnte aber nicht dem Sprung auf Ebene 3 widerstehen. Danisch glaubt, das ZDF glaube und sage, B sei schlimmer als A.

 

Andreas Borcholte kommentiert bei Spiegel Online auf Ebene 4, wie Innenminister Horst Seehofer auf Ebene 3 über A und B urteilt. Seine (d.h. Borcholtes) Schlussfolgerung: Seehofer bemühe einen "eher marginalen Vorfall (A), um das neue Jahr gleich mit einer durch Betroffenheit kaum übertünchten politischen Offensive zu beginnen", was "nicht nur erbärmlich, sondern gesellschaftlich brisant ist. Denn es ist zugleich Symptom und Ursache eines Diskurses, der sich in den vergangenen Jahren in Deutschland gefährlich nach rechts verschoben hat." Hingegen werde der "offenbar rassistisch motivierte Terrorakt" B "kleingeredet", was letztlich dazu führe, dass sich "rechte Kräfte legitimiert fühlten, ihren dumpfen Gedanken und Hassfantasien auch Taten folgen zu lassen" und "den Wahn rechtsradikaler Einzeltäter oder Gruppen noch verstärken dürfte, sich als ausführende Organe einer schweigenden Mehrheit zu begreifen." Und wieder meine Interpretation: Borcholte glaubt, Seehofer glaube und sage, A sei schlimmer als B.

 

Ein wunderbares intellektuelles Spielchen. Hoffentlich geht es uns noch lange so gut wie jetzt.

19.12.2018 - Keine ZEIT für Hummer

Am 13.12.2018 entdeckt Alard von Kittlitz in der ZEIT, dass man ganz wunderbar und ungeniert über andere Menschen und deren Ansichten urteilen kann, wenn man sich nur auf Sekundärquellen stützt. Objekt der Entdeckung ist Jordan Peterson, zu dem Herr von Kittlitz einiges aus "einem sehr langen Artikel des Spiegels entnehmen konnte", der "offenbar in seinem erfolgreichsten Buch" für etwas "plädiert" (Herr von Kittlitz "hofft, dass er das richtig wiedergibt") und der dafür auf eine gewisse Weise "zu argumentieren scheint". Es ist für Herr von Kittlitz sogar möglich, anhand der vorliegenden Information festzustellen, was "Leute wie Peterson behaupten". Aufhänger ist das Beispiel des Hummers, der in Dominanzhierarchien lebt, und was das mit uns Menschen zu tun haben könnte.

 

Die Kolumne endet wie folgt: "Lasst uns doch in Zukunft, wenn es um erwachsene Themen wie Geschlechterverhältnis, Gerechtigkeit, Humanität geht, bitte nicht mehr, am liebsten wirklich nie wieder, irgendwas hören über lobster oder Wölfe oder Bienen und wie die das so machen in ihrer animalischen Natürlichkeit, und stattdessen weiter ernsthaft darüber nachdenken, wie wir insgesamt kultiviertere Wesen werden können."

 

Und nun zitiere ich Jordan Peterson (Ende des ersten Kapitels der "12 Rules for Life", "Stand up straight with your shoulders back" - ich rate von der deutschen Übersetzung ab, die nach Frühstücken eines kleinen Kaspers entstand; man lese beispielsweise Bernhard Lassahns Rezension. Der unten zitierte Abschnitt wurde allerdings durchaus vernünftig übersetzt.):

 

"To stand up straight with your shoulders back is to accept the terrible responsibility of life, with eyes wide open. It means deciding to voluntarily transform the chaos of potential into the realities of habitable order. It means adopting the burden of self-conscious vulnerability, and accepting the end of the unconscious paradise of childhood, where finitude and mortality are only dimly comprehended. It means willingly undertaking the sacrifices necessary to generate a productive and meaningful reality (it means acting to please God, in the ancient language).
To stand up straight with your shoulders back means building the ark that protects the world from the flood, guiding your people through the desert after they have escaped tyranny, making your way away from comfortable home and country, and speaking the prophetic word to those who ignore the widows and children. It means shouldering the cross that marks the X, the place where you and Being intersect so terribly. It means casting dead, rigid and too tyrannical order back into the chaos in which it was generated; it means withstanding the ensuing uncertainty, and establishing, in consequence, a better, more meaningful and more productive order.
So, attend carefully to your posture. Quit drooping and hunching around. Speak your mind. Put your desires forward, as if you had a right to them—at least the same right as others. Walk tall and gaze forthrightly ahead. Dare to be dangerous. Encourage the serotonin to flow plentifully through the neural pathways desperate for its calming influence.
People, including yourself, will start to assume that you are competent and able (or at least they will not immediately conclude the reverse). Emboldened by the positive responses you are now receiving, you will begin to be less anxious. You will then find it easier to pay attention to the subtle social clues that people exchange when they are communicating. Your conversations will flow better, with fewer awkward pauses. This will make you more likely to meet people, interact with them, and impress them. Doing so will not only genuinely increase the probability that good things will happen to you—it will also make those good things feel better when they do happen.
Thus strengthened and emboldened, you may choose to embrace Being, and work for its furtherance and improvement. Thus strengthened, you may be able to stand, even during the illness of a loved one, even during the death of a parent, and allow others to find strength alongside you when they would otherwise be overwhelmed with despair. Thus emboldened, you will embark on the voyage of your life, let your light shine, so to speak, on the heavenly hill, and pursue your rightful destiny. Then the meaning of your life may be sufficient to keep the corrupting influence of mortal despair at bay.
Then you may be able to accept the terrible burden of the World, and find joy.
Look for your inspiration to the victorious lobster, with its 350 million years of practical wisdom. Stand up straight, with your shoulders back."

 

Wer denkt hier nun "ernsthaft darüber nach, wie wir insgesamt kultiviertere Wesen werden können"?

17.12.2018 - Entscheidungen über Entscheidungen

Harald Martenstein schreibt am 29.11.2018 in seiner ZEIT-Kolumne:

"David Sedaris fiel mir wieder ein, als ich den Tweet eines Kollegen las: "Wenn Deine Eltern AfD wählen, warum nicht den Kontakt abbrechen?" Ein anderer Kollege ließ einen Text über seinen AfD-Vater mit dem Satz ausklingen: "Das nächste Weihnachtsfest verbringen wir getrennt." [...] Wer den Kontakt zum Vater abbricht oder ihn an Weihnachten allein lässt, nur weil dieser AfD wählt, ist jedenfalls kein guter Mensch. Nicht dass ich mich selbst für einen hielte. Das Engagement eines solchen Menschen für "Vielfalt" kann ich nicht ernst nehmen, weil er unter Vielfalt nur seinesgleichen versteht."

In derselben Woche, am 02.12.2018, sagt die Krimiautorin Elizabeth George in einem Interview der WELT AM SONNTAG:

"Aber ich will mit Menschen, die für Trump gestimmt haben, auch nichts mehr zu tun haben. Der Ehemann einer sehr guten Freundin von mir knüpft seine Stimmabgabe an nur ein einziges, für ihn entscheidendes Thema. Er gibt seine Stimme nur jenem Kandidaten, der gegen Abtreibung ist. Als klar war, dass er Trump gewählt hatte, sagte ich meiner Freundin: "Ich will deinen Mann nicht mehr sehen." Sie hat das akzeptiert, sie hat mich verstanden. So sieht es zurzeit aus: Unser Land fällt auseinander."

Wie würde eine Umfrage in Deutschland ausfallen, bei der man sich entscheiden muss, welcher Aussage man mehr zustimmt? Ist eine solche Meta-Entscheidung leichter oder schwerer als die beschriebenen konkreten Entscheidungen?