03.05.2021 - Treffer!

Die Aktion allesdichtmachen halte ich für das Spannendste, das in Deutschland passiert ist, seit Thomas Kemmerich am 05.02.2020 zum Ministerpräsidenten des Freistaats Thüringen gewählt wurde. Und das geht wohl nicht nur mir so: die meisten Beteiligten haben bisher auf YouTube über 100 mal mehr Likes als Dislikes geerntet. Ausnahme ist Jan-Josef Liefers, der besonders im medialen Kreuzfeuer stand und daher wohl den Unmut kanalisiert hat. Warum aber ist das Medienecho auf die Aktion so überwiegend negativ?

Es ist die Angst! Wie fühlt man sich als Journalist, wenn man von einer Aktion vollkommen überrascht wird? Wenn man weiß, dass das eigene Medium zu einem ähnlichen Guerillaangriff gar nicht in der Lage wäre? Wenn man befürchten muss, dass man mit der Bedeutung auch irgendwann den Job verliert? Was kann man tun? Man greift mit der dicken Moralberta an.

 

"Et quand le soir à la télé
Monsieur le bon roi a parlé
Venu annoncer la sentence
Nous faisons preuve d'irrévérence
Mais toujours avec élégance"

Et quand le soir à la télé
Monsieur le bon roi a parlé
Venu annoncer la sentence
Nous faisons preuve d'irrévérence
Mais toujours avec élégance
https://lyricstranslate.com/de/danser-encore-weiter-tanzen.html
Et quand le soir à la télé
Monsieur le bon roi a parlé
Venu annoncer la sentence
Nous faisons preuve d'irrévérence
Mais toujours avec élégance
https://lyricstranslate.com/de/danser-encore-weiter-tanzen.html

13.04.2021 - Wahnsinnzidenz

"In der Grippewelle 2017/18 sind geschätzt 25.100 Menschen in Deutschland durch Influenza gestorben.", sagt das Robert Koch-Institut. Die Übersterblichkeit lässt sich offenbar größtenteils auf den März 2018 einschränken. Bei einer IFR von 0,2% deutet das auf etwa 12,5 Millionen Infizierte hin (siehe unten zum 18.01.2021), was angesichts von 9 Millionen der Influenza zugeschriebenen Arztbesuchen vielleicht sogar noch untertrieben ist. Bei einer großzügigen Annahme von 12,5 Wochen für die Dauer der Grippewelle sind das durchschnittlich 1 Million Fälle pro Woche, bei einer Bevölkerung von 83 Millionen Menschen also eine durchschnittliche Inzidenz von über 1200 - und das trotz einer Impfquote von sicher über 30% (und Pommes!). Es gibt also zwei Möglichkeiten:

  1. Die Rechnung stimmt in etwa. Dann ist es Wahnsinn, ein Infektionsschutzgesetz verabschieden zu wollen, das Maßnahmen bei Überschreiten von (von der IFR des umgehenden Erregers unabhängigen) Inzidenzen von 100 und 200 festlegt.
  2. Die Rechnung stimmt nicht, weil die IFR der Grippe viel höher anzusetzen ist - insbesondere aber viel höher als die Corona-IFR. Dann ist es Wahnsinn, Covid-19 als Anlass für die Änderung des Infektionsschutzgesetzes heranzuziehen.

Wahnsinn ist es so oder so...

03.03.2021 - Was uns antreibt

In den neuen Zeiten, in denen das Wünschen wieder hilft, da veröffentlicht die SPD ihr Zukunftsprogramm und verkündet unter anderem: "Wir wollen die Elektrifizierung des Verkehrs massiv voranbringen. 2030 sollen mindestens 15 Millionen Pkw in Deutschland voll elektrisch fahren. [...] Wir machen das Stromtanken so einfach wie bisher das Tanken von Benzin und Diesel. Den Fortschritt beim Ausbau der Ladesäulen für Elektroautos wollen wir vierteljährlich evaluieren und wo nötig mit Versorgungsauflagen und staatlichem Ausbau die notwendige verlässliche Erreichbarkeit von Ladepunkten herstellen."

Wenn Ihr meint... 15 Millionen wären etwa ein Drittel der PKW-Flotte. Die bisher leistungsfähigste Lade-Infrastruktur scheint Tesla anbieten zu können. Auch hier dauert eine Vollbetankung aber immer noch eine Stunde, also etwa das Zehnfache einer Betankung mit Benzin. Rechnen wir doch mal in Tankstellen (als Währung, die für Platzbedarf und Durchsatz steht). Dann könnten wir ein Drittel der 14.000 deutschen Tankstellen entfernen (sagen wir 4.000, da schon noch Versorgungssicherheit für die über 30 Millionen verbleibenden Benziner gewährleistet sein sollte) und dafür 40.000 neue (Elektro-) Tankstellen bauen (so ungefähr). Wer mag, darf sich der Illusion hingeben, die Leute könnten ihre Elektroautos ja nachts zuhause laden - hier liegt der Zeitfaktor für eine Vollbetankung aber eher bei 100. "So einfach wie" bedeutet also auf jeden Fall schon mal nicht "so schnell wie".

Bei einem Verbrauch von 15 kWh auf 100 Kilometer und einer durchschnittlichen jährlichen Kilometerleistung von 15.000 ergibt sich ein Energiebedarf von etwa 33 TWh. Um diesen zu decken, könnte man drei moderne Atomkraftwerke oder etwa 3.300 moderne Windräder einsetzen.

In Deutschland werden jährlich etwa 3 Millionen PKW neu zugelassen. Um in weniger als zehn Jahren auf eine Flotte von 15 Millionen zu kommen, müssten im Durchschnitt mehr als die Hälfte aller Neuzulassungen Elektroautos sein. Zurzeit liegt der Anteil bei etwa 7%, und das bei beträchtlicher staatlicher Förderung.

Und wenn das Wünschen doch nicht hilft, macht man Versorgungsauflagen. Wer noch nicht genug hat, der schaue dazu in den Masterplan Ladeinfrastruktur der Bundesregierung. Hier lautet die Einheit nicht Tankstellen, sondern Ladepunkte. Wenn ein Ladepunkt einen Durchsatz von einem Fahrzeug pro Stunde hat und eine Tankstelle im Durchschnitt fünf Zapfsäulen, dann entspricht eine Tankstelle etwa 50 Ladepunkten. Für die 15 Millionen Elektroautos wären also etwa 2 Millionen Ladepunkte notwendig - das ist ja doch erstaunlich dicht bei der im Masterplan genannten einen Million (die auch nur für 7 bis 10 Millionen Elektroautos gedacht ist; die SPD muss halt im Wahlkampf ein bisschen mehr fordern).

Wahrscheinlich haben schon zahlreiche Menschen ähnliche Überschlagsrechnungen angestellt und in diesem neuen Internetdings irgendwo aufgeschrieben. Ich habe bewusst vorher nicht recherchiert, da ich es für wichtig halte, dass man in der Lage ist, auch mal eigene Zahlen zu produzieren. Sonst kommt man noch auf die Idee, ein Elektroauto zu kaufen...

01.03.2021 - CSI: Den Freiheitsrechten auf der Spur

Aus einem Artikel auf WELT Online vom 27.02.2021:

"Steffen Augsberg, Verfassungsrechtsexperte an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Mitglied des Deutschen Ethikrates: "Spätestens seit dem Sommer konnte man davon ausgehen, dass ein fälschungssicherer Impfnachweis nötig wird. Vor diesem Hintergrund ist mir die Zurückhaltung der Bundesregierung dazu relativ unverständlich, insbesondere wenn man die verfassungsrechtliche Seite betrachtet. [...] Wenn einerseits die Risikogruppen geimpft sind und andererseits die Impfung die Infektiosität hochgradig senkt, lässt sich die Begrenzung der Freiheitsrechte der Geimpften kaum noch begründen." [...] Auch Mario Brandenburg, technologiepolitischer Sprecher der FDP, weist darauf hin, dass die Impfreihenfolge bewusst so angelegt wurde, dass vulnerable Personen zuerst eine Corona-Schutzimpfung erhalten. "Sobald diese besonders schützenswerten Gruppen den Impfstoff erhalten haben, gibt es keinen Grund mehr, die Freiheitsrechte für diese Personengruppen einzuschränken – vor allem dann nicht, wenn es einen von der Bundesregierung beschlossenen fälschungssicheren Impfnachweis gibt.""
Ich habe keine Angst vor Corona, aber sehr wohl davor, dass sich solche Argumentationsweisen dauerhaft in die Gesellschaft fressen. Meine Bedenken formuliere ich als Fragen:

  • Wenn die Risikogruppen geimpft sind, wie lässt sich dann die Begrenzung der Freiheitsrechte der Ungeimpften noch begründen?
  • Warum muss ein Impfnachweis fälschungssicher sein? Ist die Befürchtung, dass einige Wenige sich "Rechte erschleichen"? Das ist immer so und wäre infektiologisch vernachlässigbar. Oder ist die Befürchtung, dass gefälschte Impfausweise massenhaft in Umlauf kommen, sodass dadurch die Eindämmung des Virus verhindert wird? In diesem Fall fehlt aber offenbar die Bereitschaft der Bevölkerung, sich impfen zu lassen, und dann muss es auch anders gehen.
  • Welchen Anreiz hätten insbesondere "schützenswerte Gruppen", Impfausweise zu fälschen?
  • Über welchen Zeitraum reden wir hier? Ist es nicht das Ziel, Corona innerhalb weniger Monate los zu werden, sodass keinerlei Maßnahmen mehr notwendig sind?
  • Was machen die "schützenswerten Gruppen" dann eigentlich mit ihren Freiheitsrechten? Werden ganze Seniorenheime in die nächste Kneipe gekarrt, wo dann so richtig die Post abgeht, während die "nicht schützenswerten Gruppen" maskiert und mit Abstand und neidisch auf der Straße stehen und zuschauen?

Wohlgemerkt: hier äußern sich ein Verfassungsrechtsexperte und Mitglied des Deutschen Ethikrats sowie ein Sprecher einer Partei, die die Freiheit im Namen trägt. Vermutlich sollte ich für die "Zurückhaltung der Bundesregierung" dankbar sein...

19.01.2021 - Ich mach mir die Welt, wie sie mir so gar nicht mehr gefällt

Das ZEIT MAGAZIN vom 07.01.2021 enthält zwei große Artikel:

  • Im einen berichtet die Autorin über die Welt ihrer Mutter: Darin gibt es "nur Gut und Böse, und alle Ereignisse werden von versteckten Mächten gesteuert. Angela Merkel treibt die Umvolkung Deutschlands voran, das internationale Finanzsystem wird bald ausgetauscht, und eine globale Elite von Schauspielern und Politikern tötet Kinder, um aus deren Blut Mittel für ihre eigene Verjüngung herzustellen."
  • Im anderen erklären zwei "transgeschlechtliche Menschen", dass "Menschen bei der Geburt ein Geschlecht zugewiesen wird", dass "Verhaltensweisen, genau wie Körperteile oder Kleidung, eigentlich kein Geschlecht haben" und dass "die beiden biologischen Geschlechter, wie wir sie kennen, nichts anderes als ein Machtinstrument sind, um Menschen in Kategorien einteilen zu können und Bevölkerungspolitik zu ermöglichen."

Wer erraten kann, in welchem der beiden Artikel es offiziell um Menschen geht, die Verschwörungstheorien anhängen, darf sich ein Geschlecht aussuchen und bekommt noch ein Fläschchen Kinderblut dazu.

18.01.2021 - ASCAB

Im Hause des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks sind viele Wohnungen. Auch bei den Quarks ("Gemacht mit Herz, Hirn und unserem Rundfunkbeitrag") konnte noch ein Untermieter einziehen - die selbsternannten Science Cops. Ihre Aufgabe ist es, "wissenschaftlichen Unfug aufzudecken und richtigzustellen". Manche Einsätze werden in verkürzter Form auf YouTube dokumentiert, wie etwa einer vom 05.12.2020 zum Thema "Das System der Corona Verharmloser: Warum so viele ihnen glauben". Hier ein von mir liebevoll transkribierter Auszug:

"Sucharit Bhakdi, früher mal Professor für Mikrobiologie an der Uni Mainz, drückt es so aus: die Aussage ist, dass die Gefährlichkeit vergleichbar ist mit der Grippe, Punkt. Also packen wir das mal. Wenn es um die Gefahr von Infektionskrankheiten geht, dann schauen viele vor allem auf die Sterblichkeit, genauer gesagt, auf die Infektionssterblichkeitsrate, kurz IFR, die zeigt, wie viele der Menschen, die sich mit einem Krankheitserreger angesteckt haben, am Ende auch daran sterben. Bei der saisonalen Grippe, also der Influenza, liegt diese Infektionssterblichkeitsrate zwischen 0,1 und 0,2. Das heißt, von 1000 Infizierten sterben ein bis zwei Menschen, je nachdem wie schwer die Grippesaison verläuft. Ganz exakt kann man diese Zahlen nicht angeben, das sind oft eher Schätzungen, auch weil auf die Influenza nicht eigentlich getestet wird. Und wie ist das jetzt bei Corona? Naja, da wird die Sache schon etwas schwierig. Aber man braucht auf der einen Seite die Todeszahlen, die sind noch recht einfach zu bekommen. Man muss aber auch wissen, wie viele Menschen wirklich infiziert sind, und da man von einer relativ hohen Dunkelziffer ausgeht, ja, da sind die Zahlen relativ unsicher. Also macht man sogenannte Antikörperstudien, um herauszufinden, wieviele Menschen in einer Region wirklich infiziert waren. Damit kann man dann die Sterblichkeitsrate berechnen. Und wie hoch ist die jetzt? Das kommt darauf an, in welche Studie man reinschaut. Bhakdi und Co nehmen dafür gerne eine Studie von John Ioannidis. Der ist Professor an der Uni Stanford und hat für die WHO eine Studie gemacht, eine Metaanalyse, bei der er verschiedene solcher Antikörperstudien aus der ganzen Welt miteinander verglichen hat. Er kommt auf einen durchschnittlichen Wert für die IFR von 0,27 Prozent. Da könnte man sagen: so weit ist das gar nicht von der Grippe entfernt. Kleines Problem bei dieser Studie: in der Wissenschaftscommunity wurde sie ziemlich kritisiert, oder besser gesagt ziemlich zerrissen. Wir haben Euch eine sehr gute Kritik der Ioannidis-Studie von Volksverpetzer verlinkt. Es gibt nämlich eine ganze Reihe von Fehlern in dieser Studie: Daten wurden falsch übernommen, Studien schlechter Qualität wurden in die Metaanalyse mit einbezogen und andere Untersuchungen einfach komplett ignoriert. Auch in den Berechnungen wurden einige Fehler gemacht, und auf diese Art und Weise kommt am Ende dieser niedrige Wert von 0,27 Prozent raus. Es gibt inzwischen aber deutlich bessere Metaanalysen zur Sterblichkeitsrate, und die kommen auf ganz andere Werte. Je nachdem, wie die Altersverteilung in einer Bevölkerung ist, schwankt die Sterblichkeit zwischen 0,23 Prozent für ein Land mit einer eher jüngeren Bevölkerung bis hin zu 1,15 Prozent für ein Land mit einer eher älteren Bevölkerung. Denn man weiß ja: an Covid 19 sterben eher die Älteren. Für Deutschland kommt man so auf einen Wert von ungefähr 0,8 bis 1 Prozent. Ja, und das ist deutlich höher als bei der Grippe."
Wenn die Aufgabe eines Wissenschaftlers die Suche nach Wahrheit ist, dann muss die Aufgabe eines Wissenschaftsjournalisten wohl eine andere sein. Der Wissenschaftler könnte das Problem wie folgt definieren:

  • Wie lassen sich die IFR von Influenza und Corona schätzen?
  • Als Funktion welcher Größen sollte die IFR jeweils angegeben werden?
  • Wie groß ist die Unsicherheit um die jeweiligen Schätzungen?
  • Lassen sich die Ergebnisse für beide IFR vergleichen?
  • Wann und in welchem Sinne wären die IFR als "gleich" anzusehen?

Der Wissenschaftsjournalist hingegen fragt sich:

  • Influenza ignorieren wir in der Regel fast vollständig (abgesehen von Impfprogrammen). Corona hingegen treibt die Gesellschaft an den Rand des Wahnsinns. Da kann es doch nicht sein, dass die IFR "gleich" ist, oder?
  • Wissenschaft selbst kann ich nicht, aber Rhetorik müsste doch auch reichen, oder?
  • Wäre es nicht cool, wenn wir uns Science Cops nennen würden? Fast wie im Fernsehen!

Nein, ich behaupte nicht, dass die Studie von Ioannidis der Weisheit letzter Schluss ist. Aber wenn Ioannidis Fehler bei der Datenanalyse gemacht hat, was kommt dann heraus, wenn diese Fehler systematisch behoben werden? Und nach welcher Metrik sind andere Studien "deutlich besser" und eine Kritik von Volksverpetzer (auch das kein Wissenschaftler...) "sehr gut"? Wer gehört überhaupt zur "Wissenschaftscommunity"? Entscheidet das die Wissenschaftsjournalismuscommunity?

Die Zahlenwerte 0,23% und 1,15% deuten darauf hin, dass man diese Studie im Sinn hatte. Darin werden 165 von 175 Studien aussortiert und an die verbleibenden 10 ein parametrisches Modell kalibriert. Hat man Ioannidis nicht genau so etwas vorgeworfen? Und auch die Unterscheidung nach Alter hat Ioannidis vorweggenommen: "The infection fatality rate of COVID-19 can vary substantially across different locations and this may reflect differences in population age structure and casemix of infected and deceased patients and other factors." Wie passen die 165 verworfenen Studien und die 61 von Ioannidis berücksichtigten Studien (hier gibt es vermutlich Überschneidungen) in das vorgeschlagene Modell? Wenn sie nicht hineinpassen, woran liegt es?

Und nun noch ein paar Zahlen zum Nachdenken (meinetwegen nur für mich):

  • Eine Grippewelle wie Anfang 2018 mit geschätzt 25000 Todesopfern in Deutschland bei einer IFR von 0,2% würde 12,5 Mio. Infizierte bedeuten, und das innerhalb sehr kurzer Zeit.
  • Selbst eine Corona-IFR von 1,0% bedeutet bei aktuell gemeldeten 47000 Todesopfern in Deutschland 4,7 Mio. Infizierte - davon offiziell nur 2,0 Mio. bestätigt, also eine erhebliche Dunkelziffer, die mindestens einmal die Ausrichtung der Maßnahmen an der Inzidenz von Sinn befreit.
  • Um mal wieder Luxemburg (aufgrund der im Verhältnis zur Einwohnerzahl sehr hohen Testzahl) als Modell herzunehmen: die Anzahl positiver Tests liegt bei über 7,5% der Einwohnerzahl. Das wären für Deutschland über 6,2 Mio. Infizierte - und entsprechend eine Dunkelziffer größer als drei und eine IFR von etwa 0,75%.

"Werde ich nun meine schöne neue Kaffeemühle wiederbekommen?" fragte die Großmutter, als er endlich mit Schreiben fertig war und das Notizbuch zuklappte.

"Selbstverständlich", sagte der Wachtmeister.

"Und wie lange kann das dauern?"

"Tja - das ist schwer zu sagen. Wir müssen natürlich den Räuber Hotzenplotz erst mal fangen. Vorläufig kennen wir leider noch nicht einmal seinen Unterschlupf. Der Kerl ist ja so gerissen. Seit zweieinhalb Jahren führt er die Polizei an der Nase herum. Aber auch ihm wird man eines Tages das Handwerk legen! Dabei hoffen wir nicht zuletzt auf die rege Mithilfe der Bevölkerung."

24.11.2020 - Der Mörder war wieder der Gärtner

Am 23.11.2020 zeigt Gott uns in der ARD ein Theaterstück über Sterbehilfe. Oder so. Jedenfalls ist es gut, dass es heutzutage eine Mediathek gibt. Wer wird schon ernsthaft von sich behaupten können, nach einmaligem Ansehen ein klares Bild des Problems zu haben? Das hält die ARD nicht davon ab, in der nachfolgenden Hart-aber-fair-Sendung die Zuschauer abstimmen zu lassen: Soll Herr Gärtner das Medikament Natrium-Pentobarbital bekommen, um sich zu töten? 70,8% der Zuschauer befürworten das. Aber was genau war die eigentliche Frage?

  • Soll ein Herr Gärtner, den ich nicht kenne, in die Schweiz fahren dürfen, um dort von irgendjemandem das Medikament zu bekommen?
  • Soll es für Herrn Gärtner in Deutschland möglich sein, das Medikament zu erwerben?
  • Würde ich als Arzt meinem Patienten Herrn Gärtner das Medikament verschreiben?
  • Wenn Herr Gärtner das Medikament schon hätte, aber Hilfe bei der Einnahme bräuchte, würde ich mich freiwillig melden?

Die Frage und Antwort sind umso bemerkenswerter in einer Zeit, in der über die folgenden Fragen ganz anders gedacht wird:

  • Soll ein schwer kranker Herr Gärtner noch einmal ein großes Fest mit seiner Familie feiern dürfen?
  • Soll ein schwer kranker Herr Gärtner noch einmal alle Familienmitglieder empfangen und umarmen dürfen?
  • Muss Herr Gärtner geimpft werden?

24.11.2020 - Fristentransformation

Bevor der Impfspass losgeht, überlegen wir uns kurz, mit welchem Phänomen wir es zu tun haben:

  • Ohne Impfung kommt ein Anteil A der Bevölkerung mit dem Virus in Kontakt.
  • Ohne Impfung, gegeben Kontakt mit dem Virus, besteht eine Wahrscheinlichkeit P für ernsthafte Probleme (Tod, Langzeitfolgen, Krankenhausaufenthalt etc.).
  • Mit Impfung, gegeben Kontakt mit dem Virus, reduziert sich die Wahrscheinlichkeit für ernsthafte Probleme um einen Faktor f < 1.
  • Mit Impfung, unabhängig von Kontakt mit dem Virus, besteht eine Wahrscheinlichkeit für durch die Impfung hervorgerufene Probleme (Tod, Langzeitfolgen, Krankenhausaufenthalte etc.). Diese Wahrscheinlichkeit lässt sich ebenfalls sinnvoll als P * g mit einem Faktor g < 1 ausdrücken.

Ohne Impfung muss also mit 83 Mio * A * P Problemfällen gerechnet werden. Mit umfassender Impfung der Bevölkerung sind es mindestens 83 Mio * P * g alleine aufgrund von Impfproblemen, außerdem natürlich Fälle, bei denen die Impfung nicht geholfen hat (hier wären 83 Mio * A * P * f sowie 83 Mio * A * f * P * f mögliche Schätzungen - die sich in ihrer Annahme darüber unterscheiden, ob Impfung auch gegen Verbreitung des Virus hilft). Aber vernachlässigen wir letztere einmal (schließlich wird uns f < 0.1 versprochen). Wie verhält sich A zu g?

Wie wäre es beispielsweise mit A = g = 10%? Sowohl eine Kontaktwahrscheinlichkeit von 10% als auch eine relative Komplikationswahrscheinlichkeit von 10% klingen für mich plausibel. Allgemeine Impfung wäre dann, wie wir in der Bankensprache so schön sagen, eine reine Fristentransformation: wir können uns aussuchen, wie wir die Problemfälle über die Zeit verteilen und wer am Ende daran verdient.

29.10.2020 - Freunde Amerikas

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 25.10.2020 predigt Bertram Eisenhauer: "Manchmal, wenn ich Aufheiterung brauche, schaue ich mir bei YouTube die Rede an die Nation an, die Ronald Reagan hielt, nachdem das Space Shuttle "Challenger" 1986 kurz nach dem Start explodiert war; es ist eine Ode an das ununterdrückbare Streben des Menschen nach Höherem. Und ich schaffe es einfach nicht, mir vorzustellen, dass Trump, dieses schwarze Loch des Mitgefühls, jemals so etwas zustande brächte."

Wie recht er doch hat; hier ein Auszug aus Reagans Rede: "And I want to say something to the schoolchildren of America who were watching the live coverage of the shuttle's takeoff. I know it is hard to understand, but sometimes painful things like this happen. It's all part of the process of exploration and discovery. It's all part of taking a chance and expanding man's horizons. The future doesn't belong to the fainthearted; it belongs to the brave. The Challenger crew was pulling us into the future, and we'll continue to follow them. So, together, we must go forward with confidence, determination, and vision. We must not be timid, or meek, or fearful - but instead we must boldly seize the day and embrace the moment. We will draw strength from the glories of the past, and we will make greatness our common mission for the future. Together, we will make our nations stronger, our countries safer, our culture richer, our people freer, and the world more beautiful than ever before."

Haha, reingefallen! Alles ab "So, together" entstammt Donald Trumps Rede in Davos vom Januar 2020. Entweder hat sich Herr Eisenhauer nicht richtig informiert, oder er möchte Trump bewusst missverstehen. Wann tut man Letzteres? Herr Eisenhauer gibt sich (direkt vor der oben zitierten Erwähnung von Reagans Rede) selbst die Antwort: "Und hier finden wir auch den Grund dafür, dass so viele Menschen auf den amerikanischen Wahldienstag am 3. November starren. Sie hoffen, dass dann endlich Schluss ist mit Trumps unsäglicher Präsidentschaft, weil es für sie nicht nur um Politik geht, sondern um ihr Seelenheil." Und ganz am Schluss: "So wird man hoffen müssen, dass genügend Amerikaner dem folgen werden, was Abrahm Lincoln in seiner ersten Amtsantrittsrede "die besseren Engel unser Natur" nannte. Und dass sie uns, den Freunden Amerikas, so ein bisschen Seelenfrieden schenken."

Ach, Freunde Amerikas! Wenn Ihr Euch um Euer Seelenheil sorgt, dann macht es doch nicht vom Ausgang einer demokratischen Wahl abhängig. Meine Prognose: es sieht ohnehin nicht gut für Euch aus...

06.09.2020 - Validierungstests

Ich bin ja froh, dass sich überhaupt mal jemand des Themas der Falsch-Positivrate annimmt: "Centogene führt Bauers Angaben zufolge bei einem positiven Test noch eine Validierung mit einem Testkit eines anderen Herstellers durch. "In weit über 90 Prozent der Fälle ist dieser zweite Test ebenfalls positiv", sagt er. Würde diese Quote für alle Tests in Deutschland gelten, wären mindestens 90 Prozent aller positiv Getesteten mit sehr hoher Sicherheit infiziert. Und die Quote läge sogar noch höher, weil Validierungstests nach Centogene-Angaben meist dann negativ sind, wenn die Viruskonzentration in der Probe so niedrig ist, dass sie an der Nachweisgrenze liegt und je nach verwendetem Testkit zu unterschiedlichen Ergebnissen führt - auch zu falsch negativen."

Welchen Nutzen haben Validierungstests? Stellen wir uns eine Menge von Proben vor und dazu drei Ereignisse, die für eine einzelne Probe eintreten können:

  • A: der erste Test ist positiv
  • B: der zweite Test (d.h. der Validierungstest) ist positiv
  • C: der Getestete ist infiziert

Dann ist P(A|nicht C) ein Schätzer für die Falsch-Positivrate des ersten Tests und P(B|A) die Wahrscheinlichkeit dafür, dass der zweite Test ebenfalls positiv ist. Um ein wenig klarer zu sehen, betrachten wir einige Grenzfälle für die drei Ereignisse; zunächst für C:

  • Falls alle Proben von Infizierten stammen, also P(C) = 1, dann ist P(nicht A) ein Schätzer für die Falsch-Negativrate des ersten Tests, P(nicht B) ein Schätzer für die Falsch-Negativrate des zweiten, und Informationen über Falsch-Positivraten kann man überhaupt nicht ableiten.
  • Falls alle Proben sauber sind, also P(C) = 0, dann ist P(A) ein Schätzer für die Falsch-Positivrate des ersten Tests, P(B) ein Schätzer für die Falsch-Positivrate des zweiten, und P(B|A) sagt ein bisschen was darüber aus, ob die Tests ähnliche Fehler machen.

Nun Ereignis A:

  • Falls der erste Test perfekt ist, also A = C, dann kann aus P(B|A) die Falsch-Negativrate des zweiten Tests abgeleitet werden: P(nicht B|C) = 1 - P(B|C) = 1 - P(B|A).
  • Falls der erste Test ein Münzwurf ist (also mit Falsch-Positivrate gleich 50%), so ist P(B|A) = P(B). Ein Wert von P(B|A) über 90% kann alles Mögliche bedeuten, aber über den ersten Test gibt es nichts zu lernen.

Und schließlich Ereignis B:

  • Falls der zweite Test perfekt ist, also B = C, dann könnte man aus P(B|A) = P(C|A) die Falsch-Positivrate des ersten Tests ableiten - weil  man die Prävalenz P(C) = P(B) kennt. Aber wenn man einen perfekten (zweiten) Test hat, wozu dann den ersten?
  • Falls der zweite Test ein Münzwurf ist, kann er natürlich wenig beitragen. Man sollte P(B|A) bei etwa 50% messen, und deutliche Abweichungen von 50% wären verdächtig.
  • Und falls der zweite Test gleich dem ersten ist, so wäre P(B|A) = 1 zu erwarten. Falls doch etwas anderes herauskommt, gibt es sicherlich ein Problem mit der Zuverlässigkeit des Tests (welches auch immer).

Mir scheint, dass der Nutzen solcher Validierungstests gering ist. Im schlimmsten Fall, liebe Patientenschützer, suggerieren sie Zuverlässigkeit, wo keine ist.

29.08.2020 - Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes?

In der ZEIT vom 09.07.2020 arbeitet sich Marina Weisband (das ist die mit den Mistgabeln, siehe unten zum 02.06.2019) ausführlich an der Frage ab, warum "wir Linken uns so oft gegenseitig bekämpfen". Das Problem wird korrekt erkannt; ich glaube aber nicht, dass "ihr Linken" in der Lage sein werdet, es zu lösen, wenn ihr ein ähnliches Weltbild habt wie Frau Weisband. Dazu drei Zitate aus dem Text:

  1. "Alle Menschen machen Fehler. Alle sagen manchmal rassistische oder antisemitische oder frauenfeindliche Sachen. Wir sind nun mal groß geworden in so einer Gesellschaft."
  2. "Progressive hingegen wenden ihre Aufmerksamkeit marginalisierten Identitäten zu. Und in deren Communitys ist erlittener Schmerz oft ein nachvollziehbarer Auslöser für Überreaktionen."
  3. "Nur so können wir wirklich etwas bewegen. Und uns gemeinsam auf den eigentlichen Gegner konzentrieren."

Ich interpretiere:

  1. Ich bin nicht wirklich schuld an meinen Fehltritten. Die "Gesellschaft" war's!
  2. Schlag mich am besten ein bisschen! Dann kann ich mich als marginalisiert definieren, muss mir über meine Fehltritte überhaupt keine Gedanken mehr machen und kann fester zurückschlagen.
  3. Ein Leben ohne Gegner ist sinnlos. Wer sollte mich sonst ein bisschen schlagen?

Hausaufgabe: Arbeitet den Kontrast zur Bergpredigt heraus.

28.08.2020 - Test auf Strohmänner

Zum Vergleich folgen heute Zitate aus drei verschiedenen Artikeln, zunächst noch einmal aus dem schon am 14.08.2020 besprochenen Faktenfuchs:

Titel und Einleitung: Mehr Corona-Tests, mehr Infizierte? Die Zahl der Sars-CoV-2-Fälle steigt wieder - auch die Corona-Tests werden mehr. Corona-Relativierer wittern einen Zusammenhang, eine Verschwörung. Doch die Tests sind nicht die Ursache für die Zunahme an Infektionen.

Später im Text: Wichtig also ist: Nur ein Teil der Entdeckungen von Infizierten kann sich damit erklären lassen, dass die Tests auf das Coronavirus ausgeweitet wurden - und weiterhin werden sollen.

Dann aus einem Interview auf ZEIT online mit Reinhard Busse vom 25.08.2020:

ZEIT ONLINE: Stimmt es, dass wir bloß mehr Corona-Fälle haben, weil wir mehr testen, und dass deshalb alle noch recht gelassen sind?
Reinhard Busse: Es ist nicht so, dass wir mehr positive Fälle haben, weil wir mehr testen.
ZEIT ONLINE: Was ist der Fehler in dieser Interpretation der Zahlen?
Busse: Mehr Tests sind nicht der einzige Grund dafür, dass wir mehr positive Corona-Fälle finden.

Und schließlich aus einem Artikel auf Spiegel.de, ebenfalls vom 25.08.2020:

Titel und Einleitung: Steigen die Fallzahlen, weil wir mehr testen? Die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland nimmt wieder zu. Einige sehen darin keine zweite Welle, sondern führen es auf die erhöhten Testkapazitäten zurück. Stimmt das?

Später im Text: Steigen die Fallzahlen nur, weil wir mehr testen?

Ein klassisches Strohmann-Argument: dem rhetorischen Gegner ("Corona-Relativierer", wie beim Faktenfuchs? "Einige", wie beim Spiegel? "Alle", wie bei der ZEIT?) wird unterstellt, er wolle die steigenden Fallzahlen ausschließlich mit der steigenden Anzahl an Tests erklären. Im weiteren Verlauf wird dann aber klar, dass natürlich mehr Tests zu höheren Fallzahlen beitragen - was nicht ausschließt, dass sich die tatsächliche Aktivität des Virus im Zeitablauf ändert.
Diese kann nämlich aus den Fallzahlen (Wiederholung: der korrekte Begriff lautet "Anzahlen positiver Tests") nur sehr eingeschränkt abgelesen werden. Hier ein Vorschlag für eine Überschlagsrechnung: das kleine Luxemburg hat inzwischen ungefähr so viele Tests durchgeführt, wie es Einwohner hat, nämlich etwa 600.000. Die Positivrate liegt bei ca. 1,25 Prozent. Hochgerechnet auf Deutschland wären das ungefähr 1 Million positive Tests, also etwa das Vierfache der aktuellen Zahl. Diese Unmenge kann man sehr unterschiedlich auf die Zeit verteilen und so auch sehr unterschiedliche Geschichten vom Verlauf der Pandemie erzählen.

Und schließlich noch ein Kommentar zur Falsch-Positivrate, die irgendwo unter der Positivrate lauert. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass sie über die Zeit konstant ist. Anfangs waren die Tests vermutlich noch schlechter, dann hat man sie verbessert und parallel die Kapazität erhöht, und schließlich wurde es stressig. Labore, die dauerhaft an ihrer Kapazitätsgrenze arbeiten, werden wohl nicht ihre Standards aus ruhigeren Zeiten einhalten können.

14.08.2020 - #Faktenfuchs fucks with the facts

Ab und zu muss ich mal schauen, was mit meinen GEZ-Gebühren Schönes gemacht wird. Der Faktenfuchs mit seinen Datenjournalist*innen (das Sternchen steht vielleicht für diejenigen mit Strickmützen) zum Beispiel wird in Corona-Zeiten zum Fleißbienchen und fragt unter anderem: Mehr Corona-Tests, mehr Infizierte? Der historisch-kritisch geschulte Exeget gelangt nach Lektüre zu der Ansicht, dass hier viele Füchslein unabhängig voneinander das Thema beackert haben und ihre jeweiligen Aufsätze anschließend aggregiert wurden. Wäre ja auch zu schade, etwas wegzuwerfen.

Es geht um zwei Zeitreihen: die Anzahlen durchgeführter Corona-Tests und die Anzahlen als positiv gemeldeter Testergebnisse in den einzelnen Kalenderwochen. Bei letzteren scheint doch erheblich unsicher zu sein, was sie denn genau bedeuten. Die folgenden Vorschläge werden (mindestens) im Text genannt:

  • Zahl der Sars-CoV-2-Fälle
  • neue Corona-Fälle
  • Neuinfektionen
  • Corona-Infektionszahlen
  • Zahl an positiv Testungen
  • Infektionen
  • Corona-Zahlen
  • Fallzahlen
  • Infizierte (Personen)
  • Entdeckungen von Infizierten
  • Infektionszahlen
  • Fälle (oder in den USA: cases)
  • positive Fälle

Wirklich korrekt ist nur Nummer 5, und die entstammt einem Zitat des Bundesgesundheitsministers. Natürlich sind die Tests nicht die Ursache für eine Zunahme an Infektionen (deren Anzahl leider niemand kennt). Sehr wohl sind die Tests aber eine Ursache für die Anzahlen als positiv gemeldeter Testergebnisse. Wenn der Faktenfuchs wirklich einen Beitrag zur Aufklärung leisten will, sollte er zur Spezifität der verwendeten Tests recherchieren und dann mit statistischen Methoden den Anteil falsch positiver Tests einschätzen. Danach kann man dann darüber nachdenken, ob die (meinetwegen steigende) Anzahl "wirklich" positiver Tests etwas über die Anzahl an Infektionen aussagen kann. Das kann sie aber nur, wenn die im Text getroffene Aussage, "das Infektionsgeschehen entwickelt sich losgelöst von den Tests", falsch ist...

Noch mehr Unsinn: "Besonders eindrücklich zeigt sich, dass es keine Korrelation zwischen den beiden Zahlen gibt, wenn man den Zeitraum zwischen KW 24 und KW 31 betrachtet." Zwei parallele Zeitreihen haben immer eine Korrelation; im konkreten Fall beträgt sie ca. 29% (wenn man KW 32 hinzunimmt, zu der inzwischen Zahlen vorliegen, sogar 66%; Update: mit KW 33 sind es 83%, mit KW 34 dann gar 88%). Und wenn man schon den Corona-Ausbruch in der Tönnies-Fleischfabrik als wesentlichen Treiber der Anzahl als positiv gemeldeter Testergebnisse in KW 25 identifiziert hat, dann lohnt es sich, diesen aus der Zeitreihe herauszurechnen (ca. 1500 positive Ergebnisse bei ca. 6000 Tests - also Ergebnisse aus einer Teilpopulation mit vermutlich massiv erhöhter Prävalenz). Die Korrelation steigt dann auf 58% (bzw. 81% bei Hinzunahme der KW 32; Update: mit KW 33 sind es 91%, mit KW 34 dann gar 93%).

Schade um mein Geld... was soll denn die Zielgruppe der "Analyse" sein? Die Verschwörungstheoretiker wird man damit bestimmt nicht überzeugen können (und auch mit keiner anderen Analyse). Hauptsache, man hat mal wieder aufgezeigt, wie blöd der Trump ist. Merke: Nicht alles, was Trump sagt, ist richtig; aber etwas wird nicht allein deswegen falsch, weil Trump es gesagt hat.

25.06.2020 - Von Ismus zu Ologie

Heute hören wir uns einen Poetry-Slam-Vortrag von Sarah Bosetti aus dem Jahr 2018 an (meine Transkription; die Interaktion mit dem Publikum habe ich weggelassen):

"Guten Abend! Ich bin eine Frau – das sage ich immer vorher, weil‘s sonst keiner merkt. Ich habe mir so gedacht, weil wir Frauen können ja jetzt nicht so viel, und deswegen möchte ich über ein Thema sprechen, das Frauen betrifft und über das sich nie jemand freut, nämlich Feminismus. […] Ich finde Feminismus auch ganz furchtbar nervig. Tatsächlich! Er macht mich wahnsinnig! Feminismus: er quält mich, geht mir so sehr auf die Nerven, dass ich wünschte, ich hätte einen Sack, auf den er mir gehen könnte. Die politische Korrektheit, die Humorlosigkeit, die Sätze, die immer länger und länger werden, weil man überall ein -innen dranhängen muss... Er ist so unpoetisch, so unsexy, so anstrengend, und er hat einen doofen Namen. Gendern ist hässlich und umständlich und verwandelt die Schönheit eines jeden Satzes in Scheiße. Nicht mal „man“ darf man noch sagen – überhaupt darf „Mann“ überhaupt nichts mehr sagen, vor allem nicht über Frauen, egal wie tautologisch es auch sein mag. Wenn ein Mann sagt: „Frauen sind, wie Frauen sind.“, kommt bestimmt hinter irgendeinem Busch eine Feministin hervor gesprungen und ruft, was für eine unverschämte verallgemeinernde und sexistische Äußerung das doch sei."

Klingt alles plausibel - bis auf die Behauptung, Frauen könnten nicht viel. Aber anfängliche Selbsterniedrigung ist ja eine bewährte rhetorische Technik, wenn man später Kritik üben, den Schlag aber abmildern will. Ich nehme zunächst einmal mit, dass es auf der Welt wohl Humor, Poesie, Sexyness, Leichtigkeit, Direktheit, Schönheit und Freiheit gibt, dass aber der Feminismus sich all dem entgegenstellt. Aber was genau ist dieser Feminismus?

"Versteht mich nicht falsch: ich bin diese Feministin – aus voller Überzeugung! Es fühlt sich nur seltsam an, einem -ismus anzugehören, von dem man wünscht, es gäbe ihn nicht. Ich glaube nicht, dass zum Beispiel Buddhisten auch wünschten, es gäbe keinen Buddhismus, oder Kapitalisten, es gäbe keinen Kapitalismus, aber ich wünschte, es gäbe keinen Feminismus. Er ist ein Kampf, und Kämpfe sind immer kacke, aber leider sind nicht alle Kämpfe grundlos. Niemand muss Feminismus toll finden. Er ist ja kein Hobby! Wenn du ein Hobby suchst, kauf dir ein schnelles Auto – also wenn du ein Mann bist. Wenn du eine Frau bist, lern stricken. Feminismus ist wie das Kondom, das man erst noch kaufen gehen muss, obwohl man schon nackt zusammen im Bett liegt. Ohne wäre es einfacher, aber langfristig eben nur für den Mann. Er ist ein notwendiges Übel – also der Feminismus, nicht der Mann – aber das ist eben der Punkt: er ist notwendig. Wenn ihr also genervt seid vom Feminismus – und wie gesagt, dafür habt ihr mein vollstes Verständnis – dann entzieht ihm doch seine Notwendigkeit! Der Feminismus hat nämlich neben all den anderen unsympathischen Eigenschaften noch eine weitere: er hat recht!"

Aha! Wie schön, dass wir in Corona-Zeiten leben; das verschafft uns ganz neue Analogien. Ein Virus muss bekämpft werden, das die Gesellschaft befallen hat, und das wird kein Spaß.

"Er ist der kleine nervige Streber in der ersten Reihe, den niemand ausstehen kann, der im Deutschunterricht anfängt, die Grammatik der anderen zu berichtigen, bis ihn sogar der Lehrer hasst. Alle wissen, dass es stimmt, was er sagt, aber niemand hat Lust ihm zuzuhören. Und natürlich könnt ihr ihn dafür in die Mülltonne stecken, um einen Tag lang Ruhe zu haben, aber glaubt ihr wirklich, dass er davon weggeht oder cooler wird? Ladet ihn lieber mal zu einer Party ein. Sozialkompetenz lernt man nicht in Mülltonnen."

Das ist zwar ein plastisches Bild, scheint mir aber das Ziel zu verfehlen. Den nervigen kleinen Streber in der ersten Reihe kann deswegen niemand ausstehen, weil reine Korrektheit nicht alles ist. Alles hat seine Zeit, und die Mitschüler werden bis zum Schulabschluss noch genug Gelegenheit haben, an ihrer Grammatik zu arbeiten. Und soll ich mitnehmen, dass man Feministinnen mal zu einer Party einladen sollte? Oder dass es ihnen an der Sozialkompetenz gebricht?

"Natürlich nervt Feminismus! Jede Instanz, die uns sagen will, was wir tun sollen, nervt: unsere Eltern, Lehrer, die Polizei, morgendliche Radiomoderatoren, die verlangen, dass wir den Tag genießen, Kalendersprüche, die verlangen, dass wir jeden Tag genießen – es nervt alles, aber recht hat der Feminismus trotzdem."

Dieser Absatz enthält kein Argument. Der Feminismus kann ja nicht recht haben, weil er nervt. Also weiter...

"Und eigentlich wissen wir das doch alle, dass wir nur Menschen anfassen sollten, die von uns angefasst werden wollen, dass wir Leute nicht auf ihre Körper reduzieren sollten, egal wie viel davon sie zeigen, dass man Frauen nicht Fotzen und Kampflesben und Emanzen und Bitches nennen und in separate Zugabteile sperren sollte."

Männer, lasst Euch nicht anfassen: Ihr geht dann zusätzliche Risiken ein! Menstrip, pfui! Frau Dr. Bitch Ray, Sie haben es nicht verstanden! Mitteldeutsche Regionalbahn, schäm Dich! Was genau hat das nun mit Feminismus zu tun?

"Bezahlt Frauen gleich gut wie Männer, haltet euch von ihrer Würde fern und erniedrigt sie nicht – es sei denn, das ist nun mal ihr Fetisch, dann immer los. Haltet sie nicht für unfähig, Unternehmen zu leiten oder Autos zusammenzuschrauben, denn beides tut man meines Wissens nicht mit dem Penis. Und wenn ihr doch mit dem Penis Autos zusammenschrauben könnt, geht nach Hause, dreht Youtube-Videos und werdet reich, aber seid trotzdem keine Arschlöcher."

Natürlich sind die meisten Frauen nicht fähig, Unternehmen zu leiten oder Autos zusammenzuschrauben - ebenso wie die meisten Männer. Und natürlich gibt es sowohl Frauen als auch Männer, die fähig sind, Unternehmen zu leiten oder Autos zusammenzuschrauben. Aber mal angenommen, man könnte die Fähigkeit ein Unternehmen zu leiten eindeutig erkennen. Würde man aus der Menge aller Fähigen zufällig eine Person ziehen, mit welcher Wahrscheinlichkeit wäre es eine Frau?

"Feminismus wird man nicht los, indem man ihn bekämpft. Feminismus wird man los, indem man Sexismus bekämpft, und wenn der Kampf ausgefochten ist, dann können die Feministen stricken lernen und die Feministinnen schnelle Autos kaufen, die ihr und eure Penisse zusammengeschraubt habt, und dann können wir uns endlich alle wieder mit anderen Dingen beschäftigen."
Geschafft! Dieser letzte Absatz reicht eigentlich aus, um über die Einordnung des Phänomens Feminismus zu diskutieren (der Rest des Vortrags ist durchaus unterhaltsam, aber auch nicht viel mehr). Zuvor sollten wir aber ein paar Brocken aus dem Weg räumen, die den Blick verstellen könnten:

  • Werden Menschen von anderen Menschen schlecht und ungerecht behandelt? Na klar!
  • Gibt es schlechte oder ungerechte Behandlungen, die mehrheitlich oder ausschließlich Frauen widerfahren? Na klar!
  • Gibt es schlechte oder ungerechte Behandlungen, die mehrheitlich oder ausschließlich Männern wiederfahren? Na klar!
  • Leben wir in der besten aller bisherigen Zeiten und dabei in einer der freiesten aller Gesellschaften? Na klar!
  • Sollten Frauen und Männern die gleichen Rechte und die gleiche Würde zugestanden werden? Na klar!
  • Gibt es Situationen, in denen Frauen und Männer unterschiedlich behandelt werden sollten? Na klar!
  • Sind Frauen und Männer verschieden? Na klar!

Wer sich meinen Antworten anschließen kann, braucht vielleicht Lösungen für konkrete Probleme, aber kein Konzept namens Feminismus. Für alle anderen möchte ich drei Interpretationen präsentieren:

 

1. Die Gesellschaft ist von einem Virus namens Sexismus durchdrungen, und Feminismus ist die gute Virologin, die uns ein Schreckensszenario ausmalt und einen umfassenden Lockdown fordert. Bis dieser Lockdown beendet ist, soll sich kein Mann einbilden, stricken zu dürfen, und keine Frau, ein schnelles Auto kaufen zu dürfen!

Dies ist offenbar die Perspektive, die Frau Bosetti einnimmt. Aber wann kann der Lockdown beendet werden, und besteht überhaupt ein Interesse an seinem Ende? Sind wir nicht eher in der Abklingphase und müssen damit leben, dass das Virus hier und da noch einmal ein wenig ausbricht? Anderswo auf der Welt mag das Virus noch schrecklich wüten (ich sage mal: in Saudi-Arabien), aber das kümmert uns nicht sehr.

 

2. Die Gesellschaft ist von einem Virus durchdrungen, der das menschliche Gehirn befällt, und Feminismus ist (wie Postmodernismus, Sozialkonstruktivismus, Intersektionalität, Identitätspolitik, usw.) ein Symptom dieses Virus. Die Universitäten des Westens sind die Orte, an denen das Virus immer wieder ausbricht, und dort muss es bekämpft werden.

Dies ist die Perspektive, die beispielsweise Gad Saad einnimmt und eloquent und unterhaltsam darlegen kann. Sie hat einen gewissen Charme; man könnte beispielsweise schön von verschiedenen Strängen des Virus sprechen - und schnell auf die Idee kommen, dass in schlimmen Fällen kaum Hoffnung auf Heilung besteht. Aber gerade das gefällt mir nicht. Ein Virus ist ein Feind ohne eigenen Verstand, der nur bekämpft und ausgerottet werden kann; und will ich so über andere Menschen denken?

 

3. Feminismus füllt (zusammen mit anderen Ideen) als Ersatzreligion eine metaphysische Leerstelle in der modernen westlichen Gesellschaft. Hierzu Douglas Murray: "Whatever else they lacked, the grand narratives of the past at least gave life meaning. The question of what exactly we are meant to do now – other than get rich where we can and have whatever fun is on offer – was going to have to be answered by something. The answer that has presented itself in recent years is to engage in new battles, ever fiercer campaigns and ever more niche demands. To find meaning by waging a constant war against anybody who seems to be on the wrong side of a question which may itself have just been reframed and the answer to which has only just been altered. [... These wars] are consistently being fought in a particular direction. And that direction has a purpose that is vast. The purpose – unknowing in some people, deliberate in others – is to embed a new metaphysics into our societies: a new religion, if you will."

Dieser Ansicht schließe ich mich an, weil sie diejenige ist, die Hoffnung zulässt. Ja, es kann zu Kreuzzügen, Hexenverbrennungen, Exkommunikation, Bildersturm und Attentaten kommen. Es kann aber auch eine gemäßigte Konfession entstehen, die niemandem weh tut, oder auf andere Weise Sinn gefunden werden. Und mit anderen Dingen beschäftigen können wir uns sowieso.

05.06.2020 - Steinway to hell

Am 03.06.2020 kommentiert die Youtuberin Demirep ein Bild, das während der Krawalle in den USA entstanden ist: "I can think of no better illustration of what's being going on than this picture of a piano. It's been taken out of a Steinway piano shop in Philadelphia – the only Steinway dealership in Philadelphia – and well, just look at the shop windows and just look at this object here lying on the pavement. That's a beautiful craftsman-made object that took many hours of work and hundreds of years of technical development. You know, this is a Steinway! These things aren't stamped out of plastic. Not Steinways! They're made out of wood – and certain types of wood – are treated in certain ways, bent and tempered to a certain resonance to a certain shape. Sometimes they're worked on over months and that's months of care, attention, training, craftsmanship. And then we think what a piano does. It's an object capable of transferring directly to the human mind all that is best in human creativity and uplifting the heart, making you happy, making you sad, making you think, making you celebrate life. And this particular one has not only being dragged out and overturned. Someone sprayed it with graffiti as well. That's more than just casual vandalism. First of all, a piano is much, much heavier than most people realize. In order to remove that piano from the shop and to turn it over would require a team […] - a team determined upon the destruction and then the humiliation of this object. This is a group of people who want to destroy the West. They want to destroy everything we've worked for, everything we care for, the developments we have made, the inventions we have come up, with the communal joys in which we indulge. They not only want to destroy it, they want to make it look ridiculous and ugly. That's what this picture is telling me. […] Anyone who could attack a piano must carry an awful lot of hate, ignorance and barbarism in their hearts, and it's quite obvious that this has absolutely nothing to do with George Floyd."

 

Und genau an dem Tag, an dem ich mir das Youtube-Video angesehen habe, hatte ich zuvor Theodore Dalrymples Beschreibung einer Szene gelesen, die er in Monrovia kurz nach dem Bürgerkrieg beobachtet hat: "I saw the revolt against civilisation and the restraints and frustrations it entails in many countries, but nowhere more starkly than in Liberia in the midst of the civil war there. I arrived in Monrovia when there was no longer any electricity or running water; no shops, no banks, no telephones, no post office; no schools, no transport, no clinics, no hospitals. Almost every building had been destroyed in whole or in part: and what had not been destroyed had been looted. [...] It was the revenge of barbarians upon civilisation, and of the powerless upon the powerful, or at least upon what they perceived as the source of their power. [...] Could there have been a clearer indication of hatred of the lower for the higher?
In fact there was - and not very far away, in a building called the Centennial Hall, where the inauguration ceremonies of the presidents of Liberia took place. The hall was empty now, except for the busts of former presidents, some of them overturned, around the walls - and a Steinway grand piano, probably the only instrument of its kind in the entire country, two-thirds of the way into the hall. The piano, however, was not intact: its legs had been sawed off (though they were by design removable) and the body of the piano laid on the ground, like a stranded whale. Around it were disposed not only the sawed-off legs, but little piles of human faeces.
I had never seen a more graphic rejection of human refinement. I tried to imagine other possible meanings of the scene but could not. Of course, the piano represented a culture that was not fully Liberia’s own and had not been assimilated fully by everyone in the country: but that the piano represented not just a particular culture but the very idea of civilisation itself was obvious in the very coarseness of the gesture of contempt."

 

Hoffen wir, dass es bei der erschreckenden Parallele der Bilder bleibt und nicht zur Parallele der Ergebnisse kommt.

02.06.2020 - Gemüt schlägt Geld

In der Printausgabe der FAS vom 23.02.2020 wird getitelt: "Geld schlägt aufs Gemüt"! Oder doch nicht? Noch am selben Tag erhält die Online-Version des Artikels einen neuen Titel: "Warum so viele Frauen nicht Karriere machen wollen". Das sozio-ökonomische Panel hat festgestellt, dass sowohl Frauen als auch Männer im Durchschnitt (basierend auf einer diskreten Skala von 0 bis 10) weniger zufrieden sind, wenn die Frau deutlich mehr als die Hälfte zum Haushaltseinkommen beiträgt.

Beide Titelvorschläge sind bedauernswert in ihrer Eindimensionalität. Ist denn immer das Geld da, das dann aufs Gemüt schlagen kann (für FAS-Autoren vielleicht schon)? Und ist Karriere (allein siebenmal im Text genannt) das Einzige, das man machen kann (für FAS-Autoren vielleicht schon)? Zunächst einmal lässt sich mit den angegebenen Durchschnittswerten kaum etwas anfangen. Sind die Verteilungen (je Anteilsklasse am Haushaltseinkommen) um den Durchschnitt konzentriert, oder werden sie etwa durch Masse am einen oder anderen Ende verzerrt? Welche Einsicht könnte zusätzlich gewonnen werden, wenn das gesamte Haushaltseinkommen als zweite erklärende Variable hinzugezogen würde? Welche Rolle spielen die Biologie (in der unterschiedlichen Einschätzung durch Männer und Frauen), die individuelle Wahlfreiheit (beispielsweise der Kassiererin, deren Mann gerade arbeitslos geworden ist) und die Einbettung in das soziale Umfeld (beispielsweise der traditionellen Familie auf dem Land)?

Um es mal mit Bischof Fulton Sheen zu sagen: "I was trained in the philosophy of St. Thomas Aquinas, which is complete and total in the sense that it embraces God, man and society." Die moderne Evolutionsbiologie bietet ein ähnlich harmonisches Bild aus Biologie, Individuum und Gesellschaft an. In der Tat scheinen Theologen und Biologen sich untereinander besser verständigen zu können als mit Soziologen und anderen Geisteswissenschaftlern. Bei jenen scheiden externe Erklärungsmöglichkeiten (Gott, Biologie, Zufall, ...) aus, und das Individuum ist nur interessant als Angehöriger der einen oder anderen gesellschaftlichen Gruppe, die sich im fortwährenden Foucaultschen Machtkampf mit anderen Gruppen befindet.

Zum Abschluss noch ein Zitat von Fulton Sheen (ebenfalls aus seiner Autobiographie, also aus dem Jahr 1979): "In retrospect I had two approaches; one was the direct on radio, the other was the indirect on television. The direct was the presentation of Christian doctrine in plain, simple language. [...] There is a third approach to an electronic audience which will be in the future. It will not always be the direct, nor even the indirect which I used. It is what might be called the anthropological. I do not use this word in the sense of the science of man's beginning. I merely mean it as the roots of the word imply - a study of man. The presentation of religion had been principally from God to man, but now it will be from man to God. It will not start with the order in the universe alluding to the existence of a Creator of the cosmos; it will start with the disorder inside of man himself. It will take all the findings of our psychological age and use them as a springboard for the presentation of Divine Truths."

18.03.2020 - Was kommt vor dem Weltuntergang?

Na gut, dann ist jetzt erst einmal Corona Time. Heute Morgen habe ich mir die Frage gestellt, wieviele Menschen in Deutschland denn nun gerade wirklich infiziert sind. Die offizielle Zahl liegt bei 10.000. Spielen wir Bayes:

  • Ereignis A: Person wurde getestet
  • Ereignis B: Person ist infiziert

Gesucht ist P(B) = P(B|A) * P(A) / P(A|B). Unter der Annahme, dass jeder bestätigte Corona-Fall auch getestet wurde (und dass die Tests vernachlässigbare Fehlerquoten aufweisen), lässt sich der Zähler wie folgt abschätzen: P(B|A) * P(A) = [Anzahl bestätigter Fälle] / [Anzahl durchgeführter Tests] * [Anzahl durchgeführter Tests ] / [Bevölkerungszahl]. Die Anzahl durchgeführter Tests kürzt sich also heraus, und wir bekommen P(B|A) * P(A) = 10.000 / 80.000.000 = 0,0125%. Die Größe P(A|B) ist also genau der Faktor zwischen offizieller und tatsächlicher Fallzahl. Mindestvoraussetzung für die Durchführung eines Tests scheint "Symptome + Zusatzverdacht" (Kontakt mit Verdachtsfall oder Aufenthalt in Risikoregion etc.) zu sein. Da die Krankheit in den meisten Fällen mild verläuft und außerdem bestimmt einiges schief geht (Leute lassen sich aus Angst nicht testen, fehlendes Wissen, Schlamperei, ...), sehe ich P(A|B) nicht über 10%. Also dürften aktuell mindestens 100.000 Personen (oder etwa ein Promille der Bevölkerung) infiziert sein. Diese Einschätzung deckt sich mit anderen, beispielsweise in Science.

Vielleicht sollten die nächsten 100.000 Tests einfach mal zufällig über die Bevölkerung verteilt werden. Dann hätten wir doch eine schöne statistische Grundlage. Und wenn wir das jede Woche wiederholen, werden wir die Situation ganz ausgezeichnet einschätzen können.

30.01.2020 - Was kommt nach dem Weltuntergang?

In der ZEIT vom 23.01.2020 werden von Dr. Julia Verlinden Weltuntergangsphantasien bedient: "In 50 oder 60 Jahren? Da ist alles hinüber! [...] Haben Sie den Schuss nicht gehört? Wir haben noch zehn Jahre, um die Klimakrise aufzuhalten." Aber wenn es um Versorgungssicherheit geht, obsiegt das Prinzip Hoffnung: "Dieses Thema ist durch. Modellrechnungen und Praxisbeispiele belegen: Mit erneuerbarer Energie kann künftig durchgängig die Strommenge erzeugt werden, die man braucht." Natürlich ohne Kernenergie, denn wie schreibt Frau Dr. Verlinden in ihrem Newsletter: "Atomkraft ist und bleibt hochgradig riskant und teuer. Außerdem produziert jedes AKW radioaktive Müllberge, für die es nach wie vor keine sichere Entsorgung gibt. Ein zurück zur Atomkraft darf es daher nicht geben." Damit ist sie in ihrer Partei nicht alleine. Daniel Cohn-Bendit (wenn auch mit interessanten Aussagen über andere Länder): "Für Deutschland ist das vorbei." Cem Özdemir: "Ich halte Atomkraft für eine nicht beherrschbare Technologie. Das Kapitel ist abgeschlossen." Annalena Baerbock: "Klimaschutz bedeutet für uns ein Ausstieg aus fossiler Energie und dazu zählt auch die Atomkraft."

Ich bin bereit (und damit ist keine Wertung verbunden), um einen ordentlichen Geldbetrag zu wetten, dass wir in 20 Jahren einen Großteil unseres Energiebedarfs aus Kernenergie decken werden - entweder aus eigener Produktion oder durch Import. Und ich lege noch drauf, dass es vermutlich eine grüne Regierung sein wird, die den Ausstieg aus dem Ausstieg beschließen wird. Ich glaube, dass Robert Habeck als Kanzlerkandidat das weiß - von ihm finde ich nämlich nur deutlich vorsichtigere Aussagen.

20.11.2019 - Suppenhuhn

Am 03.11.2019 erklärt uns Oberdigitalrätin Katrin Suder in der FAZ, wie das mit den Algorithmen so zu laufen hat: "Entscheidend ist: Der Algorithmus wurde getestet, er diskriminiert keine bestimmten Personengruppen, die Daten sind anonym und die Haftungsregeln klar." Aber was ist ihr Lieblingsbeispiel? Die Hühnerfütterung: "Im klassischen industriellen Ansatz bekommt jedes Huhn dieselbe Menge an Wasser, Futter und Zusatzstoffen. Als Ergebnis bekommt man: ein Drittel beste Qualität, ein Drittel Suppenhühner, ein Drittel können Sie gar nicht verwenden. Bei einem datenbasierten Ansatz mit Künstlicher Intelligenz stimmt der Algorithmus die Fütterung auf das einzelne Huhn ab. Das Ergebnis: 80 Prozent beste Qualität, nur 20 Prozent Suppenhuhnqualität."

Sieht eine ehemalige McKinsey-Partnerin wirklich nicht den Widerspruch?

19.11.2019 - Meinungsänderungsfreiheit

Kürzlich fühlten sich alle großen Medien praktisch gleichzeitig gedrängt, die Frage nach der Meinungsfreiheit aufzuwerfen: die ZEIT, nochmal die ZEIT, die WELT, die FAZ, der Tagesspiegel - sogar die Bundeskanzlerin und der Bundespräsident äußerten sich. Ist die Meinungsfreiheit nun in Gefahr? Ich denke nicht - wohl aber unsere Fähigkeit oder unser Wille, zwischen Meinungen, die einfach nicht unserer eigenen entsprechen, und Meinungen, denen wir entgegentreten sollten, zu unterscheiden. Zudem scheint uns die Bindung einer Meinung an einen Zeitpunkt abhanden zu kommen.

Im ersten der oben zitierten Artikel fallen mir einige Stolpersteine auf. Zunächst einmal unterscheidet sich die am 24.10.2019 veröffentlichte Print-Version von der Online-Version (was auch kenntlich gemacht wird). Dafür gibt es einen Grund. Ein Anstoß für die Debatte um die Meinungsfreiheit war nämlich die von Protesten begleitete Wiederaufnahme der Vorlesungstätigkeit durch Bernd Lucke. Die Print-Version des Artikels endete noch: "Nach Bernd Luckes geplatzter Vorlesung haben fast alle Parteien in Hamburg das Geschehen verurteilt. Medien haben berichtet. Auf Twitter war die Schreispirale auf voller Lautstärke. Aber einen Tag nach seinem ersten Anlauf hat Bernd Lucke ein Seminar an der Uni gehalten. Störungsfrei." Aber noch Wochen später scheint es nicht ohne Polizeischutz zu gehen.

Es stimmt auch nicht, dass "kürzlich ein Gericht urteilte, es sei keine Beleidigung, die Politikerin Renate Künast ein "Stück Scheiße" zu nennen". Das Gericht hat kein Urteil gefällt, sondern einen Beschluss gefasst; und es hat keinen Freibrief zur Beleidigung erteilt, sondern dargelegt, dass im konkreten Fall die (durchaus unschönen) Bezeichnungen im Zusammenhang mit einer Äußerung Künasts standen. Jedenfalls sah das Gericht keinen Anlass, die Plattform, auf der die Äußerungen getätigt wurden, zur Herausgabe der Nutzerdaten zu verpflichten. Ob man Politiker aufgrund von Aussagen, die sie vor vielen Jahren in einem anderen gesellschaftlichen Klima getätigt haben, derart angehen muss, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

Tut es das? "Nicht jeder Widerspruch ist gut, zumal dann nicht, wenn er statt veränderbarer Auffassungen des anderen dessen unveränderbare Eigenschaften wie Geschlecht, Hautfarbe oder Religion angreift." Na, wenn schon die Religion als unveränderlich angesehen wird (und über das Geschlecht könnte man natürlich auch viel sagen...), dann sind andere Meinungen es vielleicht auch, und dann ist auch Renate Künast ganz bestimmt heute noch jederzeit zur Verteidigung von ("gewaltfreien") Pädophilen bereit...

31.10.2019 - Vergebung, die zweite

Was versprechen uns die Leute, die Greta Thunbergs Reden schreiben? "The eyes of all future generations are upon you, and if you choose to fail us, I say: we will never forgive you!" Moderne Religionen kennen keine Vergebung. Wie schade - wenn selbst Agnostiker wie Douglas Murray (in The Madness of Crowds) und Stephen Asma (in Why We Need Religion) eindringlich auf die positiven Auswirkungen von Vergebung auf den Vergebenden und auf die Gesellschaft hinweisen.

A propos moderne Religionen: nicht nur kennen sie keine Vergebung, sie sind allgemein fundamentalistisch. Auch hier gefällt mir ein Zitat von Stephen Asma über Fundamentalisten: "They think that you can't have local meaning unless you have this global meaning problem solved." Wer wird verlieren, wenn versucht wird, unbarmherzig das globale Klima-Problem zu lösen? Lokale Umwelt-Probleme...

10.10.2019 - Wir drehen uns im Kreis

Vor einem Monat hat das Reuters Institute der Universität Oxford eine Studie über das Publikum öffentlich-rechtlicher Fernsehsender in Europa veröffentlicht. Insbesondere die tatsächlichen und vermeintlichen Aussagen zur politischen Orientierung dieses Publikums haben Kreise gezogen. Warum?

Nun, das Hauptproblem besteht darin, dass Daten auf eine Art grafisch dargestellt wurden, die nach Fehlinterpretation schreit. Man studiere dazu den Abschnitt zu Deutschland in Abbildung 7. Drei gefüllte Kreise, die für drei Sender stehen (wobei ARD und ZDF zusammengefasst werden), sind zu sehen; deren Flächeninhalt ist zunächst einmal proportional zum Cross-Platform Reach der Sender (69%, 31%, 26%), so wie es sein soll. Aber warum werden überhaupt Kreise verwendet, wenn an anderer Stelle (z.B. in Abbildung 1) ganz ähnliche Informationen in anderer Form, nämlich als Balkengrafik, präsentiert wurden? Es soll parallel eine zweite Größe dargestellt werden, nämlich die durchschnittliche politische Orientierung des Publikums je Sender. Hierzu werden die Kreise auf einer waagrechten Linie nach links oder rechts verschoben. Man kann erkennen, dass sich die Zuschauer von ARD und ZDF im Durchschnitt (!) in etwa so weit links von der Mitte einordnen wie die Zuschauer von RTL rechts von der Mitte, und dass die Zuschauer von n-tv im Durchschnitt noch etwas weiter rechts orientiert sind als die Zuschauer von RTL. Das war's. Nun baue ich mal eine nette, aber bestimmt nicht abschließende Liste möglicher Fehlinterpretationen (die NZZ hatte sich auch eine davon ausgesucht):

  • Wie wir es in der Schule gelernt haben, stehen die Kreise für Mengen
  • Alle Zuschauer von (beispielsweise) RTL befinden sich im RTL-Kreis
  • Der ARD- und ZDF-Kreis liegt fast komplett links von der "Mittelachse"; also erreichen ARD und ZDF praktisch ausschließlich ein linkes Publikum
  • Zwischen dem Publikum von ARD und ZDF und dem Publikum von RTL gibt es keine Schnittmenge
  • Die Vereinigungsmenge der Kreise ist der gemeinsame Cross-Platform Reach der Sender

Na schön; dämliche Grafiken sind alltäglich (und leider zu leicht zu produzieren; die abschreckenden Beispiele beispielsweise in Tuftes Standardwerk waren wenigstens noch mit viel Mühe verbunden). Wenn sie denn wenigstens ignoriert würden! Aber nein: Alexander Gauland fühlt sich bestätigt: "ARD und ZDF [...] erreichen nur noch einen Bruchteil der Menschen und bedienen mit ihrer tendenziösen Berichterstattung mehrheitlich das linke Spektrum." Was ist eigentlich ein Bruchteil? Mathematisch sicher jede rationale Zahl im Intervall (0,1), aber umgangssprachlich? Hat man nicht eher die Vorstellung, dass etwas abbricht, das meiste aber noch übrig bleibt? Demnach sollte ein Bruchteil kleiner als 50% sein, was beispielsweise für den Cross-Platform Reach von ARD und ZDF (69%, siehe oben) nicht der Fall ist. Über tendenziöse Berichterstattung sagt die Studie auch nichts, das ist wohl eher die Beimischung einer Meinung. Aber warum sollte ich AfD-Pressemeldungen kommentieren? Dafür haben wir doch die ZEIT! "Hat Gauland also recht? Nein. Zwar schauen und hören Linke öfter ARD, ZDF und Deutschlandfunk als Rechte. Aber dass die drei Rundfunkanstalten nur einen "Bruchteil" der Bürger erreichen, stimmt nicht – im Gegenteil, wie ein näherer Blick auf die Daten zeigt. Denn der Anteil derjenigen, die sich weit rechts oder rechts außen verortet, liegt nur bei 6,5 Prozent. Mit anderen Worten: Es gibt eine Gruppe weit rechts, die öffentlich-rechtliche Medien weniger nutzt und ihnen auch weniger glaubt, doch die ist klein." Was soll denn das nun wieder? Den genannten Wert von 6,5% kann ich der Studie nicht entnehmen (vielleicht liegen der ZEIT ja die Daten vor) - aber er hat mit der Frage auch gar nichts zu tun. Nicht jeder, der sich weit rechts oder rechts außen verortet, wird von ARD und ZDF nicht erreicht; und nicht jeder, der von ARD und ZDF nicht erreicht wird, verortet sich weit rechts oder rechts außen. Oder in Zahlen: die 69% Cross-Platform Reach und die 6,5% haben sicher eine Schnittmenge, und selbst wenn das nicht so wäre, ist 69% + 6,5% noch lange nicht 100%. Und damit zurück in die angeschlossenen Funkhäuser.

04.08.2019 - Vergebung

Im ZEIT MAGAZIN vom 26.06.2019 schreibt Lilli Heinemann in "Stilles Erbe" über ihren Großvater, der in der Lage war, den Männern, die seine (erste) Familie ausgelöscht haben, zu vergeben und diese Vergebung in Taten auszudrücken. Für ihn als Mitglied einer evangelischen Freikirche (was nicht kausal zu sehen ist; weiß Gott nicht, wenn ich das mal so sagen darf) war dies ein Ausdruck des Gebotes der Nächstenliebe. Aber wie schwer tut sich die Autorin gegen Ende ihres Artikels: "Ich bewundere meinen Großvater dafür, dass er vergeben konnte, verstehe aber auch nach der Recherche nicht, wie er dazu in der Lage war. Die Vergebung muss für ihn auch eine Überlebensstrategie gewesen sein, um den traurigen Gefühlen möglichst wenig Raum zu geben. Vielleicht war es der einzige Weg, den er gehen konnte, um weiterzuleben. Aber wo war seine Wut, wo war sein Schmerz? Und was bedeutet seine Unfähigkeit, diese Gefühle zuzulassen, für mich?"

 

Und noch eine Geschichte: Anfang Juli 2019 wurde über eine Predigt des katholischen Priesters Ulrich Zurkuhlen in Münster berichtet, die zum Eklat führte. Eine Aufzeichnung scheint es nicht zu geben; hier wird das Geschehen so zusammengefasst: "Nach Auskunft von Teilnehmern des Gottesdienstes hatte Zurkuhlen in seiner Predigt zunächst von zwei Frauen erzählt, deren Gespräch er zufällig mitbekommen habe. Sie hätten unablässig von sich und ihren Befindlichkeiten gesprochen und sich schließlich massiv abfällig über ihre verflossenen Ehemänner geäußert. Zurkuhlen warb dafür, einander auch vergeben zu können und bezog diese Äußerung auf Priester, die als Täter Minderjährige sexuell missbraucht haben. Auch ihnen müsse vergeben werden. Im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“ bestätigte Zurkuhlen diese Darstellung." Gottesdienstbesucher verließen die Kirche; in der Kirche wurde lautstark protestiert; der leitende Pfarrer äußerte anschließend, dass "das hier gar nicht ging"; und am Ende versetzt der Münsteraner Bischof Pfarrer Zurkuhlen in den vorzeitigen Ruhestand, verbunden mit Kürzung der Bezüge, Entzug der Beichtvollmacht und Predigtverbot.

 

Auf die theologische Dimension (Muss vergeben werden? Heißt vergeben auch vergessen? Ab wann "darf" vergeben werden?) will ich gar nicht mal eingehen, aber auf die kollektiv-psychologische. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass wir heute den Status des Opfers überhöhen. Wer Opfer ist, soll dies auch bleiben. Die Ablehnung des Opferstatus durch den Einzelnen kann nur als Defizit erklärt werden (eine Überlebensstrategie, eine Unfähigkeit - siehe oben), Alternativen können nicht einmal diskutiert werden. Wir schaffen uns eine trostlose Welt mit einem trostlosen Menschenbild.

06.07.2019 - Neue Medien, alte Fehler

Nun wurde die CDU doch nicht zerstört, und an das Youtube-Special des Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 16.06.2019 erinnert sich bestimmt auch schon wieder kaum jemand. Dabei war es so aufregend! Denn auf Youtube "entwickeln sich neue Formen des Ausdrucks und der Rezeption, deren Wechselwirkung überhaupt erst im Ansatz erkennbar ist: die neue Dynamik des Dialogs, die ungenierte Inszenierung von Authentizität, die fatalen Spiralen ständiger algorithmischer Bestätigung, ...". Nach meiner bescheidenen Erfahrung bietet YouTube fantastische Möglichkeiten; man sollte sich nur an die Regeln halten, die man bei Recherchen in anderen Medien seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten kennt: sich Zeit nehmen, Leute ausreden lassen, nicht nur auf eine Quelle beschränken, keine vorschnellen Urteile fällen.

Das scheint mir in mindestens zwei Fällen schiefgegangen zu sein. Da ist (im Beitrag "Das Who is Who der Rechtsextremen" von Diba Shokri) die Rede von Milo Yiannopoulos, der "Provokateur sein will und rechter Demagoge ist". Wenn man sich mit dem Mann etwas ausführlicher beschäftigt, beispielsweise Interviews bis zum Ende schaut (also im Medium bleibt) oder seine vier Bücher liest (also das Medium wechselt), könnte man vielleicht eher zu der Einsicht gelangen, dass er Provokateur ist und kein rechter Demagoge sein will - als schwuler, mit einem Schwarzen verheirateter konservativer Katholik jüdischer Herkunft vielleicht nicht überraschend. Zur ambivalenten "rechten" Rezeption von Yiannopoulos muss man nur einmal die Kommentare unter dem im Artikel diskutierten YouTube-Video lesen...

Das zweite Beispiel stammt aus dem Artikel über ContraPoints ("In Wahrheit stehst Du im Zirkus" von Silke Weber): "Sie dekodiert als einfache Selbsthilfebotschaften verpackten Hass wie zum Beispiel in dem Video über den Psychologen, Vortragsreisenden, Influencer und "Verteidiger alter Werte" Jordan Peterson." Hass? Auf wen? Ich kann nur meine Tipps wiederholen: Vorträge und Interviews anschauen! Bücher lesen! Und - jetzt bin ich gemein - nicht nur auf Wikipedia abschreiben, wie toll ContraPoints "eine Art sokratischen Dialog" entstehen lässt...

Schließlich illustriert der Artikel ein Dilemma des modernen Menschen: konsequent wird Natalie Wynn als Frau beschrieben - schließlich scheint sie diese ihre geschlechtliche Identität selbst gewählt zu haben, und die aktuelle Wahl soll allseits respektiert werden. Gerade das nicht vergessende Medium YouTube im Allgemeinen und die Historie des Kanals ContraPoints im Besonderen sperren sich aber gegen dieses Primat der Gegenwart vor der Vergangenheit. Aber um das zu entdecken müsste man sich ja wieder Zeit nehmen.

02.06.2019 - Nachtrittbrett

""Wir haben die Chance, wenn wir alles richtig machen": Nie hatten die Grünen bessere Umfragewerte als zuletzt - nun muss sich zeigen, ob sie daraus Wahlerfolge machen können." Ach nein, das war ja im Jahr 2011, und irgendwann hatten wir dann 2014. Aber warten wir es ab; meinetwegen darf der nächste Kanzler Robert Habeck heißen. Was mich beunruhigt, sind grüne Trittbrettfahrer wie Marina Weisband, die ihren Parteikollegen Boris Palmer gerne von den Tübinger Bürgern mit Mistgabeln vertrieben sehen würde, oder Charlotte Roche, die Verbote und Verzichte fordert - und zwar in Massen. Und laut Volker Zastrow (FAS vom 02.06.2019, "Die Zerstörung der CDU") sind dabei die Grünen noch "inzwischen einfach die anständige Partei, jedenfalls die Partei, die sich als einzige noch, nimmt man das Gesamtbild, durchweg anständig benimmt - insbesondere im Umgang untereinander".

07.05.2019 - Sie bringen es wirklich

Es gab einmal eine Zeit, da wollte ich keine Folge der Lindenstraße verpassen - vorbei. Es gab einmal eine Zeit, da wollte ich keinen Tatort verpassen - vorbei. Für manchen sind Fernsehkrimis aber offenbar immer noch ein wichtiges Trägermedium für soziale Utopien: Sie küssen und sie prügeln. Endlich.

Was wird gefeiert? "Da kommt eine Frau" (die Ermittlerin), "sie ist schlank, sie ist schön, in ein Bürogebäude. Sie schlägt um sich, sie beherrscht eine Kampfsportart, die mal der Mossad erfunden hat." Sie setzt "Sexualität, Begierde zum Beispiel zielgerichtet ein, um in die Machtverhältnisse eingreifen zu können."

Und das ist neu? Dem Internet sei Dank sind Zeitreisen heutzutage leicht möglich. Wie wäre es mit dem Jahr 2007, "da Medienredakteure und Fan-Forenschreiber über die "erotische Eleganz" und "spielerische Lässigkeit" dichten, mit der Hannelore Elsner oder Andrea Sawatzki ihre Knarre zücken"? Oder gar mit dem Jahr 2001: "Sabrina und Ellen, Pajanou und Kleinert, sie bringen es wirklich: Wenn sie ziehen, hat der Gangster ausgespielt, und wenn sie treffen, ist es Frauenpower, die da reinhaut, nichts muss geborgt, nichts muss verleugnet werden." Und Ellen führt vor, "was passiert, wenn erotische Gefühle zwischen einer Polizistin und einem Tatverdächtigen hochschießen".

Ist denn das Reich Gottes doch noch nicht gekommen? Tja.

26.03.2019 - Non constat de supernaturalitate

In der ZEIT vom 14.03.2019 vollziehen jugendliche Hohepriester der neuen Klimareligion ein Bußritual an ihren Eltern (Titel: "Papa, fühlst du dich schuldig?" - "Ja. Das ist ein Scheißgefühl."). Ich möchte hierzu David Fuller zitieren (meine Transkription): "I don’t see many people coming forward with what I would consider to be an integral or a balanced framework around climate change, for example - which I think would acknowledge certainly how neatly it fits onto a very sort of religious framework: We’re all doomed! We need to repent right now! Is it genuinely about climate change, or is it about changing people? If you heard that there’s a technological solution tomorrow for climate change, how would that make you feel? Would you be relieved, or would you actually think, no, that’s not the point! The point is that people need to stop being selfish, they need to stop being disrespectful to the environment, stop being et cetera, et cetera. What’s the deeper… is it about changing people, or is it about changing the environment?"

 

Dabei fällt mir auf, dass ich nicht weiß, warum in der Neuzeit so häufig sehr junge Mädchen als Prophetinnen auftreten:

Oder nehmen wir doch einmal die 15 Marienerscheinungen, deren Übernatürlichkeit die katholische Kirche offiziell anerkannt hat. In neun davon waren junge Mädchen involviert:

  • Beauraing (15, 14, 13, 9 - und ein Junge von 11 Jahren)
  • Banneux (12)
  • Dietrichswalde (12, 13)
  • Fátima (10, 7 - und ein Junge von 9 Jahren)
  • Kibeho (16 - und zwei weitere Mädchen, über deren Alter ich nichts finden konnte)
  • La Salette (15 - und ein Junge von 11 Jahren)
  • Lourdes (14)
  • Notre-Dame du Laus (16)
  • Paris, Rue du Bac (24 - das will ich mal gelten lassen, da die junge Frau noch Novizin war)

Hinzu kommen noch nicht offiziell anerkannte Marienerscheinungen, Erscheinungen der orthodoxen Kirchen und sicher auch diverser Erweckungsbewegungen (ähnlich wie 1842 in Schweden, s.o.). Erwähnenswert ist auch David Gutersons literarische Aufarbeitung in "Unsere Liebe Frau vom Wald".

Ist dieses Phänomen durch die Angebotsseite getrieben (Sind junge Mädchen emfänglicher für "Prophetie" als andere demografische Gruppen?) oder durch die Nachfrageseite (Glauben wir "prophetischen" Aussagen eher, wenn sie von jungen Mädchen verkündet werden?)? Jedenfalls scheinen historisch nur die großen Kirchen in der Lage gewesen zu sein, die Botschaften über einen längeren Zeitraum zu transportieren.

12.03.2019 - Ich glaube!

In der WELT AM SONNTAG vom 10.03.2019 kommentiert Hannes Stein den Zustand der demokratischen Partei in den USA. Er hat ein Recht auf seine Meinung und darf sie auch gerne äußern. Der moderne Diagonalleser dürfte aber nur Folgendes mitnehmen (die ersten beiden Absätze und den letzten, zusammen weniger als 15% des Textes; sozusagen eine andere Art von Framing):

Die Demokratische Partei hat eine einmalige, eine historische Chance: Sie kann das politische Leben in Amerika auf mindestens eine Generation hinaus dominieren. Die Demokraten haben im vergangenen Herbst in einem Erdrutschsieg das Repräsentantenhaus erobert. In zwei Jahren werden sie gegen einen Präsidenten antreten, den die Mehrheit der Amerikaner verabscheut.
Seine Umfragewerte liegen tief im Keller, obwohl die Wirtschaft weiterhin brummt. Die allermeisten jungen Wähler haben nicht die geringste Lust auf Trumps Rassismus, seine Lügen, seine Frauenfeindlichkeit. Hervorragende Voraussetzungen, um ihn und seine Bewegung klitzeklein werden zu lassen! [...]
Sollten die Demokraten in Amerika ebenso den Verstand verlieren wie die Labour-Leute in Großbritannien, würden sie ihre historische Chance verspielen. Trump würde vier weitere Jahre gewinnen, um die Normen der amerikanischen Verfassung auszuhöhlen und die liberale Weltordnung zu destabilisieren. Und dafür könnten die Linken diesmal nicht die Russen verantwortlich machen (obwohl die natürlich alles tun werden, um ihren Kandidaten Trump an der Macht zu halten). Daran wären dieses Mal ganz allein sie selbst schuld.

Es geht also gar nicht nur um die Demokraten, sondern zunächst einmal und schließlich um den aktuellen Präsidenten der USA. Und was man alles erfährt!

  • Seine Umfragewerte liegen tief im Keller.
  • Er ist ein Rassist.
  • Er ist ein Lügner.
  • Er ist ein Frauenfeind.
  • Er hat eine Bewegung.
  • Er höhlt die Normen der amerikanischen Verfassung aus.
  • Er destabilisiert die liberale Weltordnung.
  • Er ist der Kandidat der Russen (und die würden alles tun, um ihn an der Macht zu halten).

Damit ist das Glaubensbekenntnis gesprochen, und man kann sich dem eigentlichen Thema widmen, ohne sich dem Vorwurf der Häresie auszusetzen.

07.03.2019 - Hitzewellen

Heute schüttet uns Thembi Wolf auf bento ihr Herz aus. Sie hat ein Recht auf ihre Meinung und darf sie auch gerne äußern. Mir soll es hier um einen konkreten Aspekt gehen, der vielleicht dazu gereichen kann, ein gesellschaftliches Problem zu erhellen.

Thema sind die möglichen Auswirkungen des Klimawandels auf nachfolgende Generationen ("unsere Kinder"!). Unter anderem wird gefragt: "Wie werden sie mit den fünf bis zehn schweren Hitzewellen jährlich klarkommen?" Trotz der Hervorhebung (im Original) ist kein Link angegeben; an anderer Stelle wird aber auf einen Artikel von Lena Puttfarcken auf Spiegel Online vom 24.09.2018 verwiesen. Ich zitiere: "Zumindest in Süddeutschland wird es 2100 mehr Hitzewellen geben - in einem moderaten Klimaszenario fünf bis zehn Hitzewellen mehr pro Jahr. Im Norden Deutschlands verändert sich das kaum, berechneten Daniela Jacob vom Helmholtz-Zentrum Geesthacht und ihre Kollegen. Eine Hitzewelle definierten sie, wenn die Temperatur drei Tage hintereinander einen bestimmten Schwellenwert überschritt." Quelle ist hier ein Paper mit vielen, vielen Autoren aus dem Jahr 2013.

Dann schauen wir doch mal hinein! Es werden zwei Definitionen von Hitzewelle (heat wave) verwendet - und es wird lobenswerterweise darauf hingewiesen, dass bei der Kommunikation von Ergebnissen aus dem Paper die genaue Unterscheidung wichtig ist. Ich beschränke mich auf die mildere Definition (die mehr Hitzewellen erzeugt): "Heat waves were considered as periods of more than three consecutive days exceeding the 99th percentile of the daily maximum temperature of the May to September season of the control period (1971–2000)." Es liegen also 30 * 153 = 4590 Temperaturmessungen vor. Das 99-Perzentil entspricht in etwa dem 46st-größten Wert. Soweit ich sehe, wird dieser im Paper nicht genannt, und mir ist auch nicht klar, ob die nachfolgenden regionalen Untersuchungen auf regionalen Perzentilen oder "dem" europäischen Perzentil basieren. Einerlei - im Zeitraum 1971-2000 kann es insgesamt höchstens 11 Hitzewellen gemäß dieser Definition gegeben haben (weil 12 * 4 > 46).

In Abbildung 8 des Papers wird nun dargestellt, um wieviel sich in den Simulationen die Anzahl der Hitzewellen im Zeitraum 2021-2050 bzw. 2071-2100 von der Anzahl der Hitzewellen im Zeitraum 1971-2000 unterscheidet. Praktisch in allen Fällen steigt die Anzahl der Hitzewellen - was auch nicht verwunderlich ist, da ja eine Erwärmung simuliert wird. Entscheidend ist aber, dass sich die dargestellten Werte jeweils auf einen Zeitraum von 30 Jahren beziehen. Wer's nicht glaubt, möge den Fall Südeuropa mit einem angegebenen Anstieg um 45 Hitzewellen betrachten. 45 Hitzewellen à vier Tage mit jeweils einem kühlen Tag dazwischen benötigen 224 Tage - das passt ja gar nicht in den Zeitraum von Mai bis September!

Was ist nun aber passiert? Frau Puttfarcken versteht das Paper falsch und spricht von "fünf bis zehn Hitzewellen mehr pro Jahr". Frau Wolf übernimmt diese Aussage ohne kritische Prüfung und macht die Hitzewellen sicherheitshalber auch noch "schwer". Im nächsten Absatz spricht sie zudem von "der Hitzewelle im vergangenen Sommer", verwendet also unbekümmert denselben Begriff für zwei unterschiedliche Sachverhalte. Ein ähnlich denkender (oder soll ich sagen: ähnlich wenig denkender?) Leser könnte nun die Horrorvision eines Sommers vor Augen haben, der fünf- bis zehnmal so schlimm ist wie der Sommer des Jahres 2018. In Wirklichkeit müssen wir, wenn das Szenario eintritt, nur damit rechnen, in etwa in zwei von drei Jahren statt in einem von drei Jahren eine Hitzewelle (gemäß Definition) zu erleben.

Wir könnten in der Gesellschaft (oder zumindest in den Medien) wirklich etwas mehr Numeracy gebrauchen: die Fähigkeit, Begriffe in einem gegebenen Kontext nicht außerhalb ihrer Definition zu verwenden, und die Fähigkeit, durch Überschlagsrechnungen elementare Fehler zu vermeiden. Dann könnten wir in der emotionalen Kakophonie vielleicht diejenigen Stimmen besser hören, die tatsächlich Lösungen anbieten.

26.02.2019 - Smooth Sensation Sensitive

Zahlreiche "News"-Seiten stürzen sich heute auf eine "Untersuchung" der Verbraucherzentrale Hamburg. Kosmetikhersteller kassieren bei Frauen ab! Pink Tax: Frauen wird in der Drogerie das Geld aus der Tasche gezogen! Frauen zahlen immer noch deutlich mehr als Männer! Die vollständige "Untersuchung" kann man sich ansehen: Insgesamt werden 14 Produkte aufgeführt. Bei 13 davon ist die Packungsgröße des an Frauen gerichteten Produkts kleiner als die der Männer-Variante. Es ist durchaus sinnvoll, wenn kleinere Packungsgrößen, die im Verhältnis zum Inhalt mehr Verpackungsmüll und höhere Produktionskosten bedeuten, auch entsprechend teurer sind (deswegen kosten 450g Frauen-Nutella im Verhältnis mehr als 750g Männer-Nutella...). Natürlich könnte das ein Trick der Hersteller sein, der die Produkte günstiger erscheinen lässt. Aber benötigen Frauen in der Zeitspanne, für die Männer einen Zehnerpack Einwegrasierer kaufen, wirklich zwei Fünferpacks? Und kaufen wirklich Frauen Parfüms für Frauen und Männer Parfüms für Männer?

Bleibt noch das vierzehnte Produkt, nämlich Nivea-Rasiergel. Hier sind die Packungsgrößen tatsächlich gleich, allerdings hat man für die Damen das "Sensitive"-Produkt gewählt, für die Herren nicht. Hätte man auch den Männern das "Sensitive"-Produkt gegönnt, wäre vermutlich auch der Preis gleich gewesen (während ich dies schreibe, kostet bei Edeka24 das "Sensitive"-Produkt 2,99, das "Protect & Care"-Produkt 2,49). Und der Preisunterschied zwischen Nivea und Eigenmarke liegt ohnehin in einer ganz anderen Größenordnung...

Da man also offenbar keine echten Beispiele für eine "pink tax" gefunden hat, musste man selbst eines erzeugen. Wie soll ich das nennen? Lüge? Betrug? Täuschung? Nun soll meinetwegen eine Verbraucherzentrale (warum wird hier eigentlich nicht gegendert?) ungehindert Meinungen kundtun dürfen. Und es ist ja auch schön, wenn "71 festangestellte und 55 freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter" in Lohn und Brot stehen. Aber warum schafft es solch ein dünnes Brett auf die Nachrichtenportale? Ich nehme das optimistisch als Zeichen, wie gut es uns geht. Und welche Lösung des "Problems" stellt man sich vor? Wie wäre es mit einer "blue tax", etwa einer dritten Stufe der Mehrwertsteuer nur für Männerprodukte?

09.02.2019 - ZEIT ist Geld

Am 07.02.2019 lese ich auf dem Titel der ZEIT: "Das Patriarchat ist naturgegeben - Das behauptet der Psychologieprofessor Jordan P. [sic] Peterson". Der Artikel selbst ist untertitelt: "Der kanadische Beststeller-Autor Jordan B. Peterson ist der globale Star einer neuen Männlichkeitsbewegung. Er hält das Patriarchat für naturgegeben." Und in der Box zur Person ("Der Provokateur"): "[...] Manche seiner meist männlichen Verehrer nennen sich "Hummer", weil Peterson das archaische Dominanzverhalten der Krustentiere als Beispiel für die naturgegebene patriarchalische Gesellschaft dient. [...]". Also ist dreimal vom Patriarchat die Rede (oder vielleicht sogar viermal, wenn man boshaft den Ausrutscher beim "middle initial" entsprechend interpretiert) - da erwarte ich doch als naiver Leser, dass der Begriff auch im Text vorkommt und dass die "natürliche Gegebenheit" dort erläutert wird.

Das ist jedoch leider nicht der Fall. Aber natürlich kann Abhilfe geschaffen werden, indem man noch eine Münze einwirft: die selbst für Print-Abonnenten kostenpflichtige ausführlichere Online-Version des Interviews klärt auf. Liebe ZEIT-Redaktion: geht's noch? Wenn man nicht ein Viertel der Seite für ein Bild von Peterson auf einem Holzschaf geopfert hätte (ein Holzhummer war auf die Schnelle wahrscheinlich nicht aufzutreiben, schon gar nicht in der Schweiz), wäre höchstwahrscheinlich der Abdruck des gesamten Interviews möglich gewesen.

Um Scherereien zu vermeiden (hier scheinen Leute am Werk, denen es ums Geld geht), sollte ich nicht zu ausführlich aus dem Online-Interview zitieren. Aber soviel: die ZEIT scheint mir hier das übliche Spielchen mit der Mehrdeutigkeit von Begriffen zu treiben (Ich war versucht, dieses Spielchen "postmodern" zu nennen, eigentlich wurden aber schon immer Häretiker auf diese Weise identifiziert). Der Begriff "Patriarchat" wird negativ besetzt, und jeder, der nicht unmittelbar Buße tut und "das Patriarchat" verurteilt, sei anathema. Dazu zitiere ich jetzt doch Peterson (aus der Online-Version) und lasse es dann gut sein: "Betrachten wir die symbolische Repräsentation – sagen wir Ordnung-Männlichkeit. Sie teilt sich in zwei gleich mächtige archetypische Unterkategorien, eine ist positiv, die andere negativ. Die positive ist der weise König, die negative der Tyrann. Der Tyrann allein, glauben die Radikalen, sei unsere Kultur. Aber das ist nicht nur so – man kann es fälschlicherweise so sehen, weil jede Kultur auch ein Monster ist. Die menschliche Geschichte ist vom ersten Tag an von Blut und Katastrophen gezeichnet. Jede soziale Struktur bringt auch Schreckliches hervor. Aber man sollte das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Die Radikalen kritisieren das Patriarchat nur für seine blutige und brutale Seite. Aber was ist die Alternative? Es ist mir egal, dass das Patriarchat als repressiv charakterisiert wird. Es macht mir Sorgen, dass es ausschließlich als repressiv charakterisiert wird. Das ist nicht akzeptabel. Es gibt nicht genug Dankbarkeit. Sie verhungern nicht, ich auch nicht. Wir haben keine Pest, wir haben keinen Krieg, es gibt keine verdammten Straßenkrawalle. Die Leute nehmen das alles als gegeben hin. Sie beklagen sich über das repressive Patriarchat. Sie haben keine Ahnung, wovon sie da reden."

01.02.2019 - Für das Beste in welchem Mann?

Ein internationaler Konzern, der Konsumgüter herstellt, wird Werbeclips nur aus einem Grund produzieren: um den Kundenstamm und damit den Umsatz zu vergrößern. Wenn Gillette nun ein bestimmtes Männlichkeitsbild propagiert, so glaubt die Firma wohl, dass die eigene Kundschaft dieses Bild gutheißt und selbst bereits lebt. In der Tat hat man sich im Herbst 2018 in einer "repräsentativen Studie mit 1017 Befragten" davon überzeugt, dass "das klassische, stereotype Rollenbild des Mannes Geschichte ist", dass sich für Millenials "das heutige Verständnis vom Männerbild gegenüber dem ihrer Eltern verändert hat" und dass "eine ganze Generation junger Männer mittlerweile vorlebt, wie vielseitig das Beste im Mann aussieht". Der viel diskutierte Werbeclip richtet sich also gar nicht an die wenigen "bösen" Männer (die es zweifelsohne gibt), sondern an die vielen "guten". Also hätte Antje Joel sich am 24.01.2019 in der ZEIT gar nicht so aufregen müssen (denn die ZEIT-Leser sind natürlich alle "gut"!).

 

Daher will ich Frau Joels Artikel auch gar nicht im Detail kommentieren, sondern mich auf einen Satz beschränken: "Ich bin froh, dass Frau Walden all diese männlichen Züge [Anmerkung: gemeint sind Stoizismus, Aggressivität, Durchsetzungsvermögen, Stärke und Dominanz] als "traditionell" und nicht als "genetisch" beschreibt. Immerhin." Hier steht "traditionell" wohl für nurture, "genetisch" für nature. Wenn die Gesellschaft jahrzehntelang daran arbeitet, alles "Traditionelle" zu überwinden (was natürlich möglich ist und mindestens teilweise wünschenswert), dann wird am Ende nur noch das "Genetische" übrigbleiben - das man auch dann nicht los wird, wenn man es "traditionell" nennt. Es wird dann weiter dafür sorgen, dass ZEIT-Autorinnen warm und trocken sitzen, sich ein bisschen im Internet herumtreiben und auf schicken Notebooks schicke Artikel schreiben können. Immerhin.

03.01.2019 - Ebenen

Uns geht es so gut, dass wir unsere Zeit damit verbringen können, Themen von Metaebene zu Metaebene zu wuchten, bis mit praktisch der gleichen Argumentationsweise eine Aussage und ihr Gegenteil gestützt werden können.

 

Zwei Ereignisse trugen sich jüngst zu:

A: in Amberg hat eine Gruppe von jungen Männern Menschen angegriffen und verletzt.

B: in Bottrop hat ein Mann sein Auto absichtlich in Gruppen von Menschen gesteuert und Menschen verletzt.

 

Über der Ebene des Geschehens (1) liegt die Ebene des Berichts (2 - diese habe ich eben kurz betreten). Darüber wiederum befindet sich die Ebene der Bewertung und Schlussfolgerung (3). Schließlich wird auf der Ebene der Kommentierung (4) die Bewertung und Schlussfolgerung anderer selbst wieder bewertet. Ich werde nun auf eine fünfte Ebene klettern und ins Tal schauen.

 

Hadmut Danisch kommentiert in seinem Blog auf Ebene 4, wie das ZDF über A und B berichtet. Seine Schlussfolgerung: "In einem Fall (B) wird die Tat hochgedonnert, im anderen Fall (A) die Reaktionen herabgedrückt." Ich versuche mal eine Interpretation: das ZDF sollte auf Ebene 2 bleiben, konnte aber nicht dem Sprung auf Ebene 3 widerstehen. Danisch glaubt, das ZDF glaube und sage, B sei schlimmer als A.

 

Andreas Borcholte kommentiert bei Spiegel Online auf Ebene 4, wie Innenminister Horst Seehofer auf Ebene 3 über A und B urteilt. Seine (d.h. Borcholtes) Schlussfolgerung: Seehofer bemühe einen "eher marginalen Vorfall (A), um das neue Jahr gleich mit einer durch Betroffenheit kaum übertünchten politischen Offensive zu beginnen", was "nicht nur erbärmlich, sondern gesellschaftlich brisant ist. Denn es ist zugleich Symptom und Ursache eines Diskurses, der sich in den vergangenen Jahren in Deutschland gefährlich nach rechts verschoben hat." Hingegen werde der "offenbar rassistisch motivierte Terrorakt" B "kleingeredet", was letztlich dazu führe, dass sich "rechte Kräfte legitimiert fühlten, ihren dumpfen Gedanken und Hassfantasien auch Taten folgen zu lassen" und "den Wahn rechtsradikaler Einzeltäter oder Gruppen noch verstärken dürfte, sich als ausführende Organe einer schweigenden Mehrheit zu begreifen." Und wieder meine Interpretation: Borcholte glaubt, Seehofer glaube und sage, A sei schlimmer als B.

 

Ein wunderbares intellektuelles Spielchen. Hoffentlich geht es uns noch lange so gut wie jetzt.

19.12.2018 - Keine ZEIT für Hummer

Am 13.12.2018 entdeckt Alard von Kittlitz in der ZEIT, dass man ganz wunderbar und ungeniert über andere Menschen und deren Ansichten urteilen kann, wenn man sich nur auf Sekundärquellen stützt. Objekt der Entdeckung ist Jordan Peterson, zu dem Herr von Kittlitz einiges aus "einem sehr langen Artikel des Spiegels entnehmen konnte", der "offenbar in seinem erfolgreichsten Buch" für etwas "plädiert" (Herr von Kittlitz "hofft, dass er das richtig wiedergibt") und der dafür auf eine gewisse Weise "zu argumentieren scheint". Es ist für Herr von Kittlitz sogar möglich, anhand der vorliegenden Information festzustellen, was "Leute wie Peterson behaupten". Aufhänger ist das Beispiel des Hummers, der in Dominanzhierarchien lebt, und was das mit uns Menschen zu tun haben könnte.

 

Die Kolumne endet wie folgt: "Lasst uns doch in Zukunft, wenn es um erwachsene Themen wie Geschlechterverhältnis, Gerechtigkeit, Humanität geht, bitte nicht mehr, am liebsten wirklich nie wieder, irgendwas hören über lobster oder Wölfe oder Bienen und wie die das so machen in ihrer animalischen Natürlichkeit, und stattdessen weiter ernsthaft darüber nachdenken, wie wir insgesamt kultiviertere Wesen werden können."

 

Und nun zitiere ich Jordan Peterson (Ende des ersten Kapitels der "12 Rules for Life", "Stand up straight with your shoulders back" - ich rate von der deutschen Übersetzung ab, die nach Frühstücken eines kleinen Kaspers entstand; man lese beispielsweise Bernhard Lassahns Rezension. Der unten zitierte Abschnitt wurde allerdings durchaus vernünftig übersetzt.):

 

"To stand up straight with your shoulders back is to accept the terrible responsibility of life, with eyes wide open. It means deciding to voluntarily transform the chaos of potential into the realities of habitable order. It means adopting the burden of self-conscious vulnerability, and accepting the end of the unconscious paradise of childhood, where finitude and mortality are only dimly comprehended. It means willingly undertaking the sacrifices necessary to generate a productive and meaningful reality (it means acting to please God, in the ancient language).
To stand up straight with your shoulders back means building the ark that protects the world from the flood, guiding your people through the desert after they have escaped tyranny, making your way away from comfortable home and country, and speaking the prophetic word to those who ignore the widows and children. It means shouldering the cross that marks the X, the place where you and Being intersect so terribly. It means casting dead, rigid and too tyrannical order back into the chaos in which it was generated; it means withstanding the ensuing uncertainty, and establishing, in consequence, a better, more meaningful and more productive order.
So, attend carefully to your posture. Quit drooping and hunching around. Speak your mind. Put your desires forward, as if you had a right to them—at least the same right as others. Walk tall and gaze forthrightly ahead. Dare to be dangerous. Encourage the serotonin to flow plentifully through the neural pathways desperate for its calming influence.
People, including yourself, will start to assume that you are competent and able (or at least they will not immediately conclude the reverse). Emboldened by the positive responses you are now receiving, you will begin to be less anxious. You will then find it easier to pay attention to the subtle social clues that people exchange when they are communicating. Your conversations will flow better, with fewer awkward pauses. This will make you more likely to meet people, interact with them, and impress them. Doing so will not only genuinely increase the probability that good things will happen to you—it will also make those good things feel better when they do happen.
Thus strengthened and emboldened, you may choose to embrace Being, and work for its furtherance and improvement. Thus strengthened, you may be able to stand, even during the illness of a loved one, even during the death of a parent, and allow others to find strength alongside you when they would otherwise be overwhelmed with despair. Thus emboldened, you will embark on the voyage of your life, let your light shine, so to speak, on the heavenly hill, and pursue your rightful destiny. Then the meaning of your life may be sufficient to keep the corrupting influence of mortal despair at bay.
Then you may be able to accept the terrible burden of the World, and find joy.
Look for your inspiration to the victorious lobster, with its 350 million years of practical wisdom. Stand up straight, with your shoulders back."

 

Wer denkt hier nun "ernsthaft darüber nach, wie wir insgesamt kultiviertere Wesen werden können"?

17.12.2018 - Entscheidungen über Entscheidungen

Harald Martenstein schreibt am 29.11.2018 in seiner ZEIT-Kolumne:

"David Sedaris fiel mir wieder ein, als ich den Tweet eines Kollegen las: "Wenn Deine Eltern AfD wählen, warum nicht den Kontakt abbrechen?" Ein anderer Kollege ließ einen Text über seinen AfD-Vater mit dem Satz ausklingen: "Das nächste Weihnachtsfest verbringen wir getrennt." [...] Wer den Kontakt zum Vater abbricht oder ihn an Weihnachten allein lässt, nur weil dieser AfD wählt, ist jedenfalls kein guter Mensch. Nicht dass ich mich selbst für einen hielte. Das Engagement eines solchen Menschen für "Vielfalt" kann ich nicht ernst nehmen, weil er unter Vielfalt nur seinesgleichen versteht."

In derselben Woche, am 02.12.2018, sagt die Krimiautorin Elizabeth George in einem Interview der WELT AM SONNTAG:

"Aber ich will mit Menschen, die für Trump gestimmt haben, auch nichts mehr zu tun haben. Der Ehemann einer sehr guten Freundin von mir knüpft seine Stimmabgabe an nur ein einziges, für ihn entscheidendes Thema. Er gibt seine Stimme nur jenem Kandidaten, der gegen Abtreibung ist. Als klar war, dass er Trump gewählt hatte, sagte ich meiner Freundin: "Ich will deinen Mann nicht mehr sehen." Sie hat das akzeptiert, sie hat mich verstanden. So sieht es zurzeit aus: Unser Land fällt auseinander."

Wie würde eine Umfrage in Deutschland ausfallen, bei der man sich entscheiden muss, welcher Aussage man mehr zustimmt? Ist eine solche Meta-Entscheidung leichter oder schwerer als die beschriebenen konkreten Entscheidungen?